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Gerechtigkeit Das Lohnrätsel in Europa

Die Wirtschaftsleistung steigt, und die Zahl der Arbeitslosen ist seit 2013 stark gesunken. Warum stagnieren trotzdem die Gehälter?

Warnstreik bei Arcelor Mittal
Arbeiter des Stahlunternehmens Arcelor Mittal in Bremen bei einer Kundgebung. Foto: dpa

Frankreichs Gewerkschaften machen sich bereit. Am 12. September wollen sie den Protest gegen die Arbeitsmarktreformen der Regierung auf die Straße bringen. Mit den Reformen will Präsident Emmanuel Macron die Gewerkschaften schwächen, das Lohnsystem flexibilisieren und so den Unternehmen Arbeitskosten sparen.

Die Reform gilt als Test – Frankreich ist eines der letzten Länder Europas, in denen die Arbeitnehmer relativ gut geschützt sind. Und es ist einer der wenigen Euro-Staaten, in denen die Löhne der Arbeitnehmer in den letzten Jahren gestiegen und ihr Anteil am Volkseinkommen nicht gesunken ist.

Was die wirtschaftliche Entwicklung in Europa angeht, stehen Ökonomen derzeit vor einem Rätsel – dem Lohnrätsel. Zwar steigt die Wirtschaftsleistung inzwischen ordentlich, die Zahl der Arbeitslosen ist seit 2013 um über vier Millionen gesunken – dennoch steigen die Löhne kaum. „Selbst in Deutschland ist die Lohnpolitik weit von einem expansiven Kurs entfernt“, so der Europäische Tarifbericht, den das gewerkschaftsnahe WSI-Institut am Freitag veröffentlichte.

Eigentlich müsste eine sinkende Arbeitslosigkeit die Stellung der Gewerkschaften verbessern und damit höhere Lohnsteigerungen möglich machen. Doch der Zusammenhang gilt nicht mehr. Nominal sind die Zuwächse verhalten. Dass die Arbeitnehmer der Euro-Zone mancherorts real mehr in der Tasche haben, liegt allein an der sehr niedrigen Inflationsrate. Doch dies scheint sich im laufenden Jahr schon wieder zu ändern, die Teuerung nimmt zu, im ersten Quartal 2017 gingen die Löhne inflationsbereinigt schon wieder um 0,2 Prozent zurück, errechnet das WSI.

Warum steigen die Löhne nicht schneller? Als ein Grund gilt, dass die Arbeitslosigkeit noch immer sehr hoch ist. So liegt die Zahl der Arbeitslosen in der Euro-Zone noch immer um mehr als drei Millionen Personen über dem Stand von 2008. Dazu könnte man noch jene zählen, die von der Statistik nicht erfasst werden oder ungewollt Teilzeit arbeiten. Das Ergebnis: „Die um die verdeckte Arbeitslosigkeit erweiterte Arbeitslosenquote war Ende 2016 mit 18,5 Prozent fast doppelt so hoch wie die offizielle Arbeitslosenquote“, so Volkswirt Ralph Solveen von der Commerzbank.

Viele der neu entstandenen Jobs sind zudem von „geringer Qualität“, sagte kürzlich Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank (EZB). Es handelt sich um befristete oder unsichere Jobs mit niedrigen Gehältern und schwacher Verhandlungsposition. Zusätzlich haben in den vergangenen Jahren viele Euro-Staaten ihre Arbeitnehmerrechte abgebaut, Mindestlöhne gesenkt, den Kündigungsschutz geschwächt und die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften beschränkt. Durch eine laut WSI „systematische Schwächung der Tarifvertragssysteme“ sollten die Lohnstückkosten gedrückt werden.

Besorgte Zentralbanker

In Italien läuft dieser Prozess schon seit den neunziger Jahren, in Deutschland beschleunigte er sich mit der Agenda 2010, in Spanien, Portugal und Griechenland setzte er in der Euro-Krise ein. Ein Ergebnis ist, dass in der Euro-Zone der Anteil der „arbeitenden Armen“ an den Erwerbstätigen inzwischen auf zehn Prozent gestiegen ist.

Der Erfolg dieser Bemühungen beunruhigt mittlerweile auch Zentralbanker. Denn da die Löhne kaum steigen, fehlt Nachfrage, die Unternehmen können ihre Preise kaum erhöhen, was die Inflationsrate unter den Werten hält, die die Zentralbanken anpeilen. Die EZB plädiert daher offen für stärkere Lohnzuwächse.

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