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Gentechnik Richter entscheiden über Gen-Skalpell

Fällt der Einsatz der Gen-Schere weiter unter Gentechnik? Der EuGH urteilt, welche Regeln für Pflanzen gelten, deren Erbgut mit neuen Methoden wie Crispr verändert wurde.

Tomaten
Mit Hilfe von Crispr wollen Forscher beispielsweise samenlose Tomaten züchten. Ob die dann in den Handel kommen dürfen, entscheidet der Europäische Gerichtshof. Foto: rtr

Noch ist kein Urteil gefallen, aber die Debatte tobt bereits. Schließlich ist Gentechnik und die Frage, ob genmanipulierte Lebensmittel auf hiesigen Tellern landen, ein sehr sensibles Thema. Mit genau dieser heiklen Frage wird sich an diesem Mittwoch der Europäische Gerichtshof befassen. Es geht darum, ob Organismen, deren Erbgut mit modernen Zuchtmethoden wie Crispr verändert wurde, unter die Gentechnik-Regeln fallen oder ob sie wie herkömmliche Lebensmittel behandelt werden.

Anwendungen wie die Genschere Crispr erlauben eine zielgenauere Zucht. Mit Hilfe eines biochemischen Skalpells können Teile des Erbguts verändert werden, etwa indem bestimmte Gensequenzen ausgeschaltet werden.

„Erstmals haben wir ein Werkzeug, mit dem wir gezielt ein Gen ansteuern und verändern können“, sagt Forscher Goetz Hensel vom Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung. Das sei ein großer Fortschritt im Vergleich zum „Schrotflinten-Ansatz“, der bislang in der Züchtung zum Einsatz komme. Beim herkömmlichen Verfahren wird die DNA von Pflanzen mittels Chemikalien oder Radioaktivität zum zufälligen Mutieren gebracht. Anschließend suchen die Forscher nach den Pflanzen mit den gewünschten Eigenschaften. Auf diesem Weg dauert es laut Hensel acht bis zehn Jahre, bis eine neue Sorte auf den Markt kommt. Mit Crispr könnte sich die Entwicklungszeit auf ein bis zwei Jahre verkürzen. Hensel sieht deshalb eine Chance auch für kleinere Saatguthersteller, sich wieder an der Züchtung von Pflanzen zu beteiligen. Wenn die Regulierung hingegen zu streng ausfalle und aufwendige Zulassungsverfahren notwendig würden, dann könnten sich erneut nur große Konzerne wie Bayer die Entwicklung leisten.

Verbraucherschützer sehen die neuen Züchtungsmethoden kritisch. Sie pochen auf das in der EU verankerte Vorsorgeprinzip und verlangen, dass die Sicherheit der neuen Organismen geprüft wird, bevor sie in den Handel kommen. „Bei der Gentechnik geht es um Lebewesen, die sich vermehren, genetisch austauschen und sich auch unkontrolliert ausbreiten können“, schreibt ein Bündnis von 21 Verbänden.

Befürworter der neuen Technologie weisen hingegen daraufhin, dass mit Crispr nur punktuelle Veränderungen im Erbgut herbeigeführt würden und es auch in der Natur zwischen 150 bis 200 Veränderungen von Pflanzengeneration zu Pflanzengeneration gebe.

Unerwartet aufgeschlossen zeigte sich kürzlich Grünen-Chef Robert Habeck. „Diese neue Technik bringt kein artfremdes Gen ein, sondern simuliert einen natürlichen Prozess im Schnellverfahren“, sagte er der „FAZ“. Man dürfe nicht die alten Antworten für die Gentechnik über die neue Technologie stülpen. Sollte sie zu besseren Ernten in anspruchsvollen Klimaregionen führen, zu weniger Pestizidverbrauch und einem besseren Zugang von Kleinbauern zu Saatgut, müsse das berücksichtigt werden.

Aus ähnlichen Gründen gehört auch der Schweizer Bio-Vordenker Urs Niggli zu den Crispr-Befürwortern, der mit dieser Haltung allerdings das Lager der Öko-Landwirte vor den Kopf gestoßen hat. (mit afp)

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