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Genmanipulation Enge Grenzen für neue Gentechnik

Verbraucher müssen auch künftig nicht fürchten, unbewusst genmanipulierte Lebensmittel zu kaufen. Europäische Richter haben strenge Regeln für moderne Züchtungsverfahren festgelegt.

Weinlese
Mit der Crispr-Genschere kann auch die Widerstandsfähigkeit von Weintrauben gegen Schädlinge verbessert werden. Foto: afp

Gentechnisch veränderte Pflanzen, die sich kaum von konventionellen Züchtungen unterscheiden, fallen dennoch unter die strengen Richtlinien der EU. Das hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) am Mittwoch überraschend entschieden. Damit wird ein preiswertes Verfahren zur Entwicklung neuer Sorten de facto blockiert.

Konkret bedeutet das Urteil der Luxemburger Richter, dass Pflanzen, die mit Hilfe einer sogenannten Genschere entwickelt worden sind, sehr genau geprüft werden müssen, bevor sie vermarktet werden dürfen. Vor allem aber müssen sie für den Verkauf im Supermarkt speziell gekennzeichnet werden. Das macht sie praktisch unverkäuflich. In Deutschland gibt es kein gentechnisch verändertes Obst oder Gemüse, da für Einzelhändler klar ist, dass für solche Produkte keine Nachfrage existiert. Die Entscheidung könnte massive Auswirkungen auf die Entwicklung neuer Sorten haben.

Crispr-Genschere soll der Natur auf die Sprünge helfen

Das Urteil geht auf eine Klage eines französischen Bauernverbandes zurück. Ein Gericht im Nachbarland bat daraufhin den EuGH um Hilfe. Die Frage war, wie die Regeln für gentechnisch veränderte Pflanzen auf die Genschere Crispr anzuwenden sind. In der EU gilt der Grundsatz: Gentechnisch veränderte Pflanzen sind Organismen, deren Erbinformationen so stark verändert wurden, wie es auf natürliche Weise nicht möglich ist.

Die Crispr-Genschere, die maßgeblich von der Berliner Molekularbiologin Emmanuelle Charpentier entwickelt wurde, soll der Natur gewissermaßen auf die Sprünge helfen. Genetische Veränderungen bei Pflanzen treten in Feld, Wald und Wiesen ständig, spontan und unkontrolliert auf – etwa durch den Einfluss des Sonnenlichts. Die Molekülketten, die die Erbinformation (DNA) tragen, werden an irgendwelchen Stellen zerschnitten. Die Zellen haben dagegen einen Reparaturmechanismus entwickelt. Bei der Neuzusammensetzung der Molekülketten entstehen aber „Fehler“. Neue Bausteine werden integriert. Das ist die Ursache für Mutationen und letztlich die Grundlage der Evolution auf der Erde.

Prozess der Züchtung verkürzen

Charpentiers Genschere kann nun auf biochemischem Wege bestimmte Gene gezielt ansteuern, also mit einem relativ preiswerten und einfachen Verfahren chirurgisch sehr präzise die Reparaturmechanismen und damit Mutationen und das Abschalten von Genen auslösen.

Ohne fremdes Erbmaterial in den Organismus einschleusen zu müssen, können so bestimmte Eigenschaften von Pflanzen erzeugt werden – etwa eine besonders lange Lagerfähigkeit bei Kartoffeln, mehr Stärke bei Mais oder eine Widerstandsfähigkeit gegen Schädlinge bei Weintrauben. Letztlich verkürzt die Genschere den Prozess der Züchtung erheblich. Die damit entwickelten Pflanzen lassen sich nicht mehr von konventionell gezüchteten unterscheiden.

Gleichwohl hatten Gegner der Gentechnik vor unvorhersehbaren Risiken durch Crispr-Pflanzen gewarnt und auf das Vorsorgeprinzip verwiesen, um in jedem Fall negative Auswirkungen für die Umwelt zu vermeiden. Deshalb müssten die GVO-Regeln gelten. Tatsächlich hat die Erforschung der Nebenwirkungen des Genschere-Verfahrens, das auch beim Erbgut von Menschen und Tieren zum Einsatz kommen kann, gerade erst begonnen.

So haben Wissenschaftler Medienberichten zufolge herausgefunden, dass Genscheren-Operationen besonders erfolgreich bei Zellen sind, die zugleich krebsanfällig sind. Zudem habe das Crispr-Verfahren doch nicht nur unmittelbar an der Schnittstelle, sondern auf einem relativ großen Abschnitt auf der DNA-Molekülkette Veränderungen erzeugt. Ob und wenn ja welche Probleme dies bei Kulturpflanzen zur Folge haben könnte, ist bislang nicht geklärt.

Der Generalanwalt des EuGH, Michal Bobek, hatte in seinem Schlussantrag gegen das Vorsorgeprinzip argumentiert. Für Restriktionen reiche eine „rein hypothetische Betrachtung des Risikos“ nicht aus. Es müsse konkrete Hinweise auf Gefahren für die Umwelt und für die Gesundheit von Menschen geben. Das sei bislang nicht der Fall. Das Gericht folgt im Großteil der Fälle den Schlussanträgen. Diesmal lief es anders. Die Richter schlossen sich den Argumenten der Gentechnik-Kritiker an: Crispr-Pflanzen wiesen größere Risiken auf als konventionelle Züchtungen. Sie müssten genau überprüft werden. Denn mit den neuen Verfahren ließen sich die gleichen Wirkungen erzielen wie mit der Einführung eines fremden Gens in einen Organismus.

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