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Geldschwemme Die Billionenbombe

Die Zentralbanken haben die Welt mit Geld geflutet, nun steht die große Austrocknung an – doch die ist höchst riskant.

Börse
Panik und Fassungslosigkeit an der Wall Street im November 2008: Für den nächsten großen Aufreger könnten die Notenbanken sorgen. Lucas Jackson/rtr Foto: rtr

Die Wirtschaft der großen Industriestaaten läuft rund. Oberflächlich betrachtet. In den USA und Europa wächst die Produktion seit Jahren, die Börsen steigen immer höher, die Arbeitslosenrate fällt. Der Aufschwung hält. Doch hängt er zum großen Teil an den Notenbanken, die die Zinsen nahe Null gedrückt haben. Nun naht das Ende des billigen Geldes. Und niemand weiß, ob die Wirtschaft das aushalten wird. „Es ist wie beim Bergsteigen: Der Abstieg ist immer gefährlicher als der Aufstieg“, sagte Fondsmanager Stephen Jen dem Finanznachrichtendienst Bloomberg.

Im Zuge der großen Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2008 griffen die Staaten zu außerordentlichen Maßnahmen. Sie warfen Anleihen auf den Markt, nahmen darüber Hunderte von Milliarden neuer Schulden auf und pumpten sie in die Wirtschaft, retteten Banken und stützten Unternehmen. Parallel dazu feuerten die Zentralbanken aus allen Rohren, drückten die Zinsen, um Kredite zu verbilligen. Das sollte die Konjunktur anfeuern und ermöglichte hoch verschuldeten Staaten, Unternehmen und Haushalten, ihre Kredite zu bedienen.

Um das Zinsniveau zu senken, kauften die Zentralbanken auch Staatsanleihen und andere Wertpapiere – und zwar nicht zu knapp. Gemeinsam gaben die US-Notenbank (Fed), die Europäische Zentralbank (EZB) und die Bank of Japan rund neun Billionen Dollar aus – ein gigantischer politischer Kredit, aus dem Nichts geschöpft, der Aktien und Anleihekurse in die Höhe trieb und die Zinsen drückte. Seitdem reißen die Warnungen nicht ab. Die Zentralbanken würden eine Spekulationsblase aufpumpen, rügen Ökonomen. Andere sehen eine „Zombifizierung“ der Wirtschaft: Faktisch insolvente Unternehmen würden durch die niedrigen Zinsen künstlich am Leben gehalten und wanderten als lebende Tote durch die Wirtschaftswelt.

Nun scheint die große Krise ausgestanden und die Notenbanken planen den Ausstieg aus ihrer extremen Niedrigzinspolitik. Die Fed kauft keine Wertpapiere mehr und ist schon mit Zinserhöhungen vorausgegangen. Ihre Kollegen in Japan und Europa dürften bald folgen. „Im Verlauf von 2018 könnte die EZB ihr Wertpapierkaufprogramm relativ zügig auslaufen lassen“, sagt Jörg Zeuner, Chefvolkswirt der KfW.

Die drei großen Notenbanken haben ihre Bilanzen in der Krise auf 13 Billionen Dollar hochgeschraubt. Sie haben die Welt mit Liquidität geflutet, nun steht die große Austrocknung an. Die bange Frage lautet nun: Wie wollen die Notenbanker die erworbenen Wertpapiere wieder loswerden? Was geschieht, wenn sie Massen an Anleihen auf den Markt werfen? Kommt es dann zu einem drastischen Zinsanstieg, zu Kursverfall an den Märkten?

Die Sorge ist begründet. Die Börsenrekorde verdanken sich zum Großteil den niedrigen Zinsen, die Aktien als Geldanlage attraktiv machen. „Die Märkte hängen am Tropf der EZB“, so die DZ Bank. Und ob die Wirtschaft steigende Zinsen verkraftet, ist nicht ausgemacht. Schließlich ist der Aufschwung schon relativ alt, die nächste Krise kommt vielleicht schon bald. Zugleich sind viele Staaten, Unternehmen und Haushalte sehr hoch verschuldet. Banken in Europa schieben einen Berg von faulen Krediten vor sich her, der sich auf Hunderte von Milliarden Euro summiert. Die Wirtschaftsleistung wächst zwar, aber nur schwach, Investitionen und Löhne bleiben zurück, viele der neuen Jobs sind prekär und mäßig bezahlt, die Ungleichheit wächst, da große Teile des neuen Reichtums den Wohlhabenden zugutekommen.

Was Ökonomen besonders beunruhigt: das schwache Wachstum der Produktivität. Noch immer geht die Furcht vor einer „säkularen Stagnation“ um, also von einer lang anhaltenden Phase sehr schwachen Wachstums. Dazu kommen die politischen Risiken – drohende Handelskriege, Krise der EU. Fazit: Der globale Reichtum nimmt zwar zu. Sicher fühlt sich aber niemand so richtig.

Das ist das Billionen-Dollar-Problem, vor dem die Zentralbanken stehen. Sie haben per Wertpapierkäufe Unsummen in die Welt gepumpt, und jetzt, wo die Inflation steigt, soll das Geld wieder abgepumpt werden. Doch damit erwächst die Gefahr drastisch steigender Zinsen und Turbulenzen. Mit Unwohlsein erinnert man sich an den Mai 2013. Damals kündigte die US-Notenbank an, ihre Geldpolitik langsam wieder normalisieren zu wollen. Allein diese Andeutung ließ die Zinsen für zehnjährige Staatsanleihen von 1,6 auf drei Prozent springen und die Aktien abstürzen. Der US-Dollar stieg, Anleger flüchteten aus Währungen von Schwellenländern, deren Kurse absackten.

Ein Chaos will man dieses Mal vermeiden. Und die meisten Ökonomen sind optimistisch, dass den Zentralbanken dies gelingen wird. Denn zum einen bereiten sie die Märkte behutsam auf die neuen Zeiten vor. „Dieses Mal haben die Fed-Oberen die Öffentlichkeitsarbeit besser im Griff“, so Bernd Weidensteiner von der Commerzbank. Zudem werden die Notenbanker vorsichtig und nur sehr schrittweise vorgehen. So wird es bei der Bank of Japan voraussichtlich noch eine Weile dauern, bis sie überhaupt den Verkauf ihrer Wertpapiere in Angriff nimmt – noch kauft sie pro Jahr 740 Milliarden Dollar zu. Für die Schrumpfung ihrer Bilanz wird sich die amerikanische Fed wiederum Jahre Zeit nehmen. Es ist allerdings wahrscheinlich, dass die USA während dieser Periode früher oder später eine weitere Rezession erleben werden.

Die EZB wird ab Mitte dieses Jahres wohl einen schrittweisen Abbau der Anleihekäufe beschließen, erwartet Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Mit dem Verkauf des Bestandes dürfte sie noch warten. Für den Privatsektor sehen die Ökonomen der Allianz zunächst keine Gefahr. „Auch bei einem deutlichen Zinsanstieg wird die relative Zinslast des Privatsektors viele Jahre unter dem Vorkrisenniveau bleiben.“

Ob die Operation Bilanzabbau gut geht, weiß allerdings niemand. Ein derartiges Projekt wurde noch nie in Angriff genommen. Und die vergangenen Jahre haben schon für viele böse Überraschungen gesorgt. Zumindest für Europa ist Patrick Artus von der französischen Bank Natixis vorsichtig. Die Politik des billigen Geldes habe dafür gesorgt, dass die Eurostaaten ihre hohen Schulden tragen konnten. Steigende Zinsen würden daher mit Sicherheit dazu führen, dass „die Debatte um die hohen Staatsschulden zurückkehrt“.

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