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Gates Foundation Lobbyarbeit für Gentechnik statt für Gerechtigkeit

Die Bill & Melinda Gates Foundation kämpft offiziell für mehr Gerechtigkeit auf der Welt, finanziert gleichzeitig aber eine PR-Firma, um umstrittener Gentechnik zum Durchbruch zu verhelfen.

Bill Gates, Mitbegründer der Gates Foundation
Bill Gates auf einer Konferenz der Gates Foundation in Montreal (Kanada). Foto: rtr

Crispr/Cas 9 – hinter dieser Abkürzung verbirgt sich eine Technologie, die Unglaubliches verspricht, nämlich gefährlichen Krankheiten wie Malaria, Denguefieber und Zika oder unerwünschten Wildtieren, die, auf Inseln eingeschleppt, das ökologische Gleichgewicht bedrohen, den Garaus zu machen. Gene Drive („genetischer Antrieb“) nennt sich dieses biotechnologische Verfahren, das natürliche Populationen verändern soll. Dabei öffnet eine „Gen-Schere“ (Crispr/Cas 9) das Erbgut an einer Stelle und baut eine veränderte DNA mit erwünschten Merkmalen ein. Diese Mutation vererbt sich auf alle kommenden Generationen.

Das kann die ganze Spezies verändern – beispielsweise Mücken hervorbringen, die den Malariaparasiten nicht mehr übertragen – oder sie ganz auslöschen. Gene Drives wären ein radikaler und riskanter Eingriff in das Ökosystem. Einen rechtlichen Rahmen gibt es bislang nicht, unerwünschte Folgen sind kaum erforscht. Die ökologischen, ethischen und sozialen Auswirkungen sind unabsehbar und vielleicht unumkehrbar: Was, wenn sich manipulierte Organismen unkontrolliert ausbreiten? Was bedeutet es für die Artenvielfalt, wenn eine Spezies verschwindet? Was ließe sich mit der Technologie noch anstellen? 

Bei der Artenschutzkonferenz der Vereinten Nationen im Dezember 2016 im mexikanischen Cancún haben mehr als 170 globale Organisationen von der UN ein Moratorium für Gene Drives gefordert. Darunter die Heinrich-Böll-Stiftung, Friends of the Earth International, die Kleinbauernbewegung La Via Campesina sowie die Action Group on Erosion, Technology and Concentration (ETC Group).

Diskussion im UN-Forum nicht so unabhängig, wie es scheint

Bei den UN gibt es nur ein einziges Verfahren, in dem sich Experten mit den Risiken dieser Technologie beschäftigen: das Online-Forum der UN-Artenschutzkonferenz zu synthetischer Biologie. Dieses soll die Grundlage bilden, um Empfehlungen für Regierungen zur Regulierung der Gene Drives zu erarbeiten. Damit ist die Ad Hoc Technical Expert Group on Synthetic Biology (AHTEG) beauftragt, eine von den UN einberufene Expertengruppe zu synthetischer Biologie. 

Doch die Diskussion im UN-Forum wird nicht so unabhängig geführt, wie es scheint: Die Bill & Melinda Gates Foundation hat die PR-Firma Emerging Ag mit 1,6 Millionen Dollar dafür bezahlt, Gene-Drive-Befürworter zu rekrutieren, die das UN-Forum beeinflussen und das Moratorium verhindern sollen. Das belegen die Gene Drive Files: eine Sammlung von E-Mails und Dokumenten, die Prickly Research vorliegt, die Recherche-Organisation des US-Wissenschaftlers Edward Hammond. 

Danach hat die Agentur Emerging Ag, die Agrar- und Biotechnologie-Firmen berät, rund 60 Wissenschaftler rekrutiert. Darunter finden sich Vertreter von Naturschutzorganisationen wie der Island Conservation Group, von Biotechnologie-Firmen wie Bayer Crop Science sowie Wissenschaftler, die in Gene-Drive-Projekten arbeiten. 

Ein Name taucht in den Gene Drive Files besonders häufig auf

Zum Beispiel Todd Kuiken von der North Carolina State University. Er forscht an einem Projekt zu genetischen Biokontrolle invasiver Nagetiere (GBIRd), die darauf abzielt, Ratten oder Mäuse zu dezimieren oder auszurotten, um bedrohte Vögel zu schützen. Dieses Projekt wird von der Island Conservation Group unterstützt. 

Auf der Liste findet sich auch Paul Freemont vom Imperial College London. Dort ist das Target Malaria Gene Drive Project angesiedelt, das Malaria ausrotten will. Zu den Hauptsponsoren dieses Projekts gehört ebenfalls die Bill & Melinda Gates Foundation. Freemont und Kuiken wiederum gehören der Expertengruppe AHTEG an.

Ein Name taucht in den Gene Drive Files häufig auf: Jeff Chertack, der bei der Bill & Melinda Gates Foundation als Kommunikationsexperte unter anderem für deren Malaria-Programm arbeitet, war offenbar sogar in die Koordinierung der Befürworter-Gruppe eingebunden. Zuvor war Chertack für die PR-Agentur Ogilvy & Mather tätig und hat in Brüssel Pharma- und Biotechnologie-Firmen vertreten. 

Das Engagement der Gates-Foundation für Gene Drives könnte noch andere Gründe haben: Die Stiftung unterstützt landwirtschaftliche Programme im globalen Süden, die gentechnisch verändertes Saatgut verwenden, etwa von Monsanto. Für Saatgukonzerne wird es zum Problem, dass Unkräuter resistent gegen Pestizide werden, die sie mit dem gentechnisch veränderten Saatgut zusammen verkaufen. Gene Drives könnten solche Resistenzen rückgängig machen. 

„Es wäre nützlich, wenn Sie hier das Wort ergreifen“

Emerging Ag rät den Befürwortern, wie sie auf kritische Einträge im UN-Forum reagieren sollen – etwa auf Kritik von Nichregierungsorganisationen. So bekräftigte das Third World Network in zwei Posts die Forderung nach einem Moratorium wegen Umwelt- und sozio-ökonomischer Risiken, Gen-Transfer auf andere Spezies, ungeeigneter Kontrollen und der möglichen Verwendung für biologische Waffen. „Bitte beachten Sie, dass es bereits mehrere Antworten gab, dass ein Moratorium nicht nötig ist und in diesem Stadium schädlich sein könnte, dass es angebrachter ist, in jedem Projekt Risiken und Nutzen fallweise zu analysieren, und dass es Mechanismen und Verfahren gibt, die versichern, dass die erforderlichen Rückhalte- und Biosicherheitsmaßnahmen eingehalten werden“, lautet die Anweisung der Agentur, „Es wäre nützlich, wenn Sie zur Unterstützung hier das Wort ergreifen würden.“

„Das Netzwerk soll Gene Drives offenbar salonfähig machen“, sagt Christoph Then, Geschäftsführer von Testbiotech. Das Münchner Institut für unabhängige Folgenabschätzung der Biotechnologie steht Gene Drives kritisch gegenüber. Zwar würden Gene Drives noch gar nicht funktionieren. Bedenklich sei aber, wie bereits in diesem frühem Stadium im UN-Forum „vorsorgliche Manipulation“ betrieben werde. Die UN-Beratungsgruppe AHTEG tagt an diesem Dienstag in Montreal und wird dann voraussichtlich Regulierungsempfehlungen aussprechen.

„Das hat Gewicht“, sagt Then. Setzt sich die Lobby der Befürworter im UN-Forum durch, könnte sie die notwendige Diskussion im Keim ersticken. Das fürchtet auch Barbara Unmüßig, Vorständin der Heinrich-Böll-Stiftung: „Das Vorgehen der Gates-Stiftung offenbart, wie notwendig eine starke, demokratisch legitimierte Regulierung ist.“

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