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Unternehmenskultur Es gibt keine Patentlösung

Compliance erreicht häufig nicht, was sie bewirken soll

02.02.2016 15:07

Seit dem VW-Betrug erfährt das Thema Compliance wieder viel Beachtung. Compliance, was so viel meint wie „Regeltreue“, wird als fester Bestandteil von Unternehmen gefordert. Was aber wäre, wenn Regelabweichung in vielen Arbeitsabläufen nicht eine abnormale Ausnahme, sondern den normalen Alltag darstellt?

Der Soziologe und Gesellschaftstheoretiker Niklas Luhmann hat dafür den Begriff der „brauchbaren Illegalität“ geprägt. Illegal sei Arbeitsverhalten, das formale Erwartungen verletze. Dennoch könne solches Verhalten brauchbar sein. Gemeint sind die tagtäglichen Abweichungen im Arbeitsleben; weil es wirtschaftlich nützt, ohne jedoch – und darin liegt der Clou des Gedankens –, dass diese Brüche außerhalb oder im Betrieb offen kommuniziert werden könnten.

Welche Probleme entstehen, soll Arbeit von Compliance-Abteilungen überwacht werden, zeigt eine aktuelle Studie von Jens Bergmann von der Universität Hannover: Die Compliance-Manager eines Konzerns können die Effekte ihres Tuns kaum bemessen, stehen aber unter dem Druck, Erfolge zu präsentieren. Die Kontrollmittel erweisen sich als wirkungsarm, da geografische Distanz die Durchsetzung hemmt und die Abteilung intern nicht ernst genommen wird.

In dieser Lage begeben sich die Compliance-Manager auf das heikle Terrain der Regelabweichung, die doch gerade sie zu minimieren suchen. Man verstößt selbst gegen das Formale, da man Achtung nur auf dem Papier erfährt. Die Kontrolleure finden Wege, sich eigener Kontrolle zu entziehen und wissen um ihre Fassadenfunktion. Ein gutes Bild nach außen gibt man zwar ab, doch der Abbau von Unsicherheit misslingt. Das, was zu beaufsichtigen ist, darüber weiß man wenig Bescheid. Das wissen wiederum auch die Kollegen, weshalb das Ansehen der Abteilung leidet.

Kontrollinstanzen stärken also nicht zwingend formale Regeln. Womöglich kommt es zur Flucht in informale Praktiken, in brauchbare Illegalität. Natürlich bedeutet das nicht, dass so das einzig mögliche Compliance-Szenario aussehen muss. Gleichwohl wissen wir aus der Organisationsforschung, dass sich Regelverstöße oft als robust erweisen. Dennoch: Nicht zu unterschätzen ist der positive Effekt von Compliance für die Außendarstellung von Betrieben – für Investoren, Kunden und die Politik.

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