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Umverteilung Motor der Armut

Mit der lautlosen privaten Selbstvermehrung des Kapitals kommt kein Staatshaushalt und kein Arbeitseinkommen mit. Wir brauchen eine effektive Rückverteilung von Geld.

25.06.2018 15:49

Aller Reichtum entsteht aus der Armut anderer und alle Armut aus dem Reichtum anderer. „Wär ich nicht arm, wärst Du nicht reich“, sagt Brechts armer Mann zum reichen Mann. Diese Grundtatsache ist jedoch ökonomischen Laien äußerst schwer zu vermitteln. „Mir hat der Aldi noch nie was weggenommen“, hört man dann. Und selbst der Leiter eines großen deutschen Wirtschaftsinstituts prägte kürzlich in einem Interview den schönen Satz: „Was mir Sorgen macht, ist nicht der Superreichtum, sondern die Armut“. Als ob nicht der vom Staat tatenlos hingenommene Superreichtum erst die Armut erzeugt.

Und dieser Motor der Armutserzeugung rast immer schneller. Laut „Forbes“ stieg das Gesamtvermögen der weltweit inzwischen 2208 Milliardäre 2017 so schnell wie noch nie in der Geschichte: um 1,43 Billionen auf 9,1 Billionen Dollar. Das sind neun tausend Milliarden.

Mit dieser lautlosen privaten Selbstvermehrung des Kapitals kommt kein Staatshaushalt und kein Arbeitseinkommen mit. Es ist eine ständige gigantische und automatische Umverteilungsmaschine nach oben. Nach Klimaveränderung und Kriegen ist es das derzeit größte Weltproblem.

Vornehmste Aufgabe der Staaten wäre es, dieser Umverteilung durch angemessene Rückverteilung entgegenzuwirken. Das geht nicht ohne Steuerzugriff auf die Vermögen ganz oben. Denn wenn die unteren 50 Prozent der Bevölkerung nach Schulden null Vermögen haben, bedeutet jede Besteuerung dieser unteren Hälfte Umverteilung nach oben, statt Rückverteilung nach unten.

Der Koalitionsvertrag ignoriert das alles einfach. Dabei gibt es seit Jahrzehnten Vorschläge in die richtige Richtung: Reichensteuer, Negativsteuer, Mindesterbe, Helikoptergeld, Grundeinkommen. Stattdessen die übliche Sprachtäuschung: Man nennt einfach Beschäftigungsmaßnahmen für Langzeitarbeitslose „solidarisches Grundeinkommen“, um eben von einer Diskussion genau darüber abzulenken.

Aber hat die Große Koalition nicht zahlreiche soziale Maßnahmen angekündigt, wie Baukindergeld, Wiedereinführung der paritätischen Krankenversicherung oder Wiederabschaffung der Rente mit 70? Schon, aber das ist nur Umverteilung von Peanuts von unten nach unten. Rückverteilung entsteht erst, wenn das Geld wirklich von ganz oben kommt.

 

Der Autor ist emeritierter Professor und Verteilungskritiker. Zum Thema siehe sein Buch „Geld oder Leben“.

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