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Stadtentwicklung Geschlossene Gesellschaft

Der Bund privatisiert städtische Liegenschaften

04.03.2016 10:20

Nächste Woche tagt in München der Bund Deutscher Architekten. Der Titel „Flucht nach vorne“ verspricht keinen professionsinternen Austausch, sondern eine offene Tagung. Allerorten zeigt sich diese Tendenz: Bei komplexen Sachlagen wird die fachliche Expertise erweitert um neue Ideen aus der Zivilgesellschaft. Do-it-yourself-Projekte wie das Mietshäuser Syndikat, Gemeinschaftsgärten oder das Grandhotel Cosmopolis, ein Gasthaus für Reisende und Flüchtlinge mitten in der Augsburger Altstadt, funktionieren nicht nur erstaunlich gut. Sie   machen auch vor, wie das Zusammenleben in einer pluralen Gesellschaft praktisch gelingen kann.

Die modernen Stadtgesellschaften stehen vor der Aufgabe, entwurzelten Menschen den Neuanfang zu erleichtern. Um sie produktiv bewältigen zu können, braucht es freie Gebäude und freie Flächen. Gegenläufig zu den experimentellen Formen der Öffnung schreitet jedoch zugleich die Schließung öffentlicher Flächen und Gebäude voran. Unbelehrbar verkauft der Bund städtische Liegenschaften im Höchstbieterverfahren, kommunale Wohnungsbaugesellschaften gucken in die Röhre. So geschieht es erneut in Berlin: Eines der letzten Grundstücke in Berlin-Mitte wird an einen umsatzstarken Investoren veräußert, der kein Interesse an einer sozial-ökologischen Stadtentwicklung erkennen lässt. Die Firma wirbt vielmehr mit attraktiven Renditen für ihre Anleger. Städtische Wohnungsbaugesellschaften mussten im Bieterverfahren aufgeben; 30 Millionen Euro konnten sie nicht auf den Tisch legen – sie kaufen schließlich heute noch teuer zurück, was nach der Wende bereits privatisiert wurde.

Die Berliner Initiative „Stadt von unten“ kritisiert den Verkauf bundeseigener Liegenschaften. Sie wirft Finanzminister Schäuble vor, eine sozial verträgliche Stadtentwicklung aktiv zu verhindern. Und der weltberühmte Prinzessinnengarten fürchtet, dass auch das Grundstück am Moritzplatz bald nicht mehr ein offener Naturerfahrungsraum für alle, sondern ein exklusiver Ort werden könnte, an dem gutbetuchte Eigentumswohnungsbesitzer „zwischen Schatten spendenden Bäumen ihre grüne Oase mitten in der Großstadt genießen können“. Gated community statt offener Raum. Man gewinnt den Eindruck einer extrem widersprüchlichen Zeit: Zwischen business as usual und praktisch umgesetzten Visionen tut sich ein tiefer Riss auf.

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