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Sozialpolitik Zur Freude des Aktionärs

Kleines Abc: Was Renten- und Arbeitsmarktreformen hierzulande anrichten.

15.05.2017 17:04

D as Häuschen von Herr und Frau A. im Örtchen B. im strukturschwachen Landkreis C. zerfällt zusehends. A.s würden gerne den Dachdecker D. damit beauftragen, das Dach zu reparieren, aber ihre Rente ist zu gering. Da die meisten anderen Rentner in B. auch völlig klamm sind, wird die Auftragslage von D. immer prekärer. Seinem Angestellten E. musste D. bereits vor Jahren den Lohn kürzen. Inzwischen hat D. ihn entlassen. E. muss nun mit dem Arbeitslosengeld in Höhe von 60 Prozent seines letzten Lohnes zurechtkommen. Der Traum von einem neuen Auto, das E. bei der Autohändlerin F. kaufen wollte, wird ein Traum bleiben.

Früher saßen A.s, D., E. und F. gerne im Lokal G. zusammen, das von Frau H. betrieben wurde. Inzwischen trinken sie ihr Feierabendbier zu Hause, weil es günstiger ist. Als immer weniger Gäste kamen, musste Frau H ihr Lokal schließen, was sie bis heute nicht überwunden hat. Frau H. wurde inzwischen auch von ihrem Lebensgefährten I. verlassen und ist Dauerpatientin beim Landarzt J., der ihr auf Kosten der Krankenkasse K. Medikamente des Pharmakonzerns in L. verschreibt. Frau H. hat große Sorgen, denn Landarzt J., der in Kürze 65 Jahre alt wird, wird seine Praxis demnächst schließen und in die Stadt M. ziehen.

N., der Sohn von A.s ist schon vor Langem weggezogen, da er in B. keine Arbeit gefunden hat. Er wohnt mit seiner Frau O. und den drei gemeinsamen Kindern P., Q. und R. in der Großstadt S. Obwohl N. und O. beide in Vollzeit berufstätig sind, er als Wachmann und sie in der Reinigungsbranche, können sie mit ihren Löhnen ihren Lebensunterhalt in S. nicht sichern. Zum Glück erhalten sie von der Familienkasse zusätzlich zum Kindergeld noch Kinderzuschlag, den sie alle sechs Monate bei der freundlichen Sachbearbeiterin T. neu beantragen müssen, außerdem hat N.s Kollege U. ihm vor Kurzem den Tipp gegeben, Wohngeld zu beantragen. Seit N. und O. Wohngeld bekommen, können sie die Miete an ihren Vermieter, die börsennotierte Wohnbaugesellschaft V. AG endlich pünktlich bezahlen – das freut den Aktionär W., da ihm die V. AG eine Dividende zahlt, die um das x-fache höher ist als das, was ihm die Y- Bank in Z. an Zinsen für sein Erspartes anbietet.

Und da sage noch einmal jemand, dass die Renten- und Arbeitsmarktreformen keine positiven Auswirkungen haben.

Der Autor ist Experte für Sozialrecht und Dozent an der
Ev. Hochschule Ludwigsburg.

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