Lade Inhalte...

Soziale Sicherung Zeit, die Therapie zu wechseln

Die Agenda-Politik wird zu Unrecht glorifiziert: Der vordergründig nicht mehr kranke Mann Europas läuft ohne Krücken, aber in seinem Inneren sieht es dunkel aus.

21.03.2017 14:19

Seit Martin Schulz angekündigt hat, die Agenda 2010 vorsichtig infrage stellen zu wollen, bemühen die Agenda-Befürworter wieder das Bild vom kranken Mann Europas, der dank der Medizin aus dem Hause Schröder-Fischer inzwischen gesundet ist. So schreibt die Unternehmensverbandsgruppe e.V. in einer Mitteilung vom Dienstag: „Die Agenda 2010 machte aus dem „kranken Mann Europas“ mit fünf Millionen Arbeitslosen und überlasteten sozialen Sicherungssystemen ein Vorbild für Europa: Dank der Flexibilisierung des Arbeitsmarktes hat Deutschland heute nur noch halb so viele Arbeitslose und gut gefüllte Kassen.“

Nimmt man die offiziellen Arbeitslosenzahlen und die Füllhöhe der öffentlichen Kassen als Gradmesser für den Gesundheitszustand, könnte man den Patienten tatsächlich als weitgehend geheilt betrachten. Der (vorgeblich ehemals) kranke Mann Europas ist aber immer noch krank – er hat jedoch eine Krankheit, die man gerne übersieht. Die Knochenbrüche der 00er Jahre sind weitgehend geheilt, aber die Seele hat Schaden genommen. Der vordergründig nicht mehr kranke Mann Europas läuft ohne Krücken, aber in seinem Inneren sieht es dunkel aus.

Im Nachagendadeutschland geht es denen gut, die durchsetzungsfähig sind, die immer volle Leistung bringen, die physisch und psychisch gesund sind. Zeitweise oder dauerhaft schwachen, kranken, behinderten, fragenden, sich zur falschen Zeit am falschen Ort befindlichen, eher zögerlichen, Fehler oder Umwege machenden Menschen geht es dagegen schlechter als vorher.

Die eigentlich zum Kernbestand des christlichen, des sozialdemokratischen und des bündnisgrünen Menschenbildes gehörende Überzeugung, dass allen Menschen, unabhängig davon, was sie zu leisten imstande sind, eine unveräußerliche Würde und ein Recht auf eine menschenwürdige Existenz zukommt, wurde mit der Agenda 2010 aufgekündigt. Im Sinne der Agenda nicht richtig funktionierende Menschen werden als Kostenfaktoren betrachtet, ihre Schwächen meint man ihnen mit Sanktionen austreiben zu können. Eine wachsende Zahl von Menschen hält dem Druck nicht mehr stand, immer mehr Menschen werden psychisch krank, immer mehr Menschen verlieren ihre Wohnung und die Armut steigt weiter an.

Es ist Zeit, die Therapie zu wechseln.

 

 

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen