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Sexarbeiter/innen Ein ganz normaler Beruf?

Seit 1. Juli ist das Prostituiertenschutzgesetz in Kraft. Es steht jedoch in der Kritik, die Betroffenen erneut zu stigmatisieren. Sexarbeiter/innen verdienen vor allem Respekt.

Meine Cousine sucht einen neuen Job. Sie will endlich ohne Qual zur Arbeit gehen, vollkommen freiwillig. Ich kenne jedoch nur einen Beruf, bei dem der entsprechende Berufsverband und die Interessenvertretungen unentwegt von Freiwilligkeit sprechen: Prostitution.

Diejenigen, die jetzt empört sind und für ein Verbot der Prostitution plädieren, müssen vernunftgeleitete Argumente vorbringen, weshalb die Käuflichkeit „sexueller Dienstleistungen“ gegen die Menschenwürde verstößt – ohne paternalistisch und verlogen eine starre Sexualmoral zu vertreten. Jedoch auch diejenigen, die eine Regulation fordern und Kampagnen wie „Sexarbeit ist Arbeit. Respekt!“ starten und hierbei auf Selbstbestimmung und Freiwilligkeit des Individuums setzen, dürfen nicht ignorieren, dass eine Freiwilligkeit nicht existiert, wo Menschen gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zum Überleben zu verkaufen.

Ausgeblendet werden allzu oft die gesellschaftlichen Zusammenhänge. Wieso wird Sexualität verkauft? Wer verkauft Sexualität? Wer kauft Sexualität? Armut, geringe Qualifizierung, die Abnahme niederschwelliger Tätigkeiten, eine Verwertungslogik von Lüsten und Körpern und nicht zuletzt das Patriarchat sind Ursachen der Prostitution. Frauen mit Migrationserfahrung sind besonders betroffen. Und es sind Männer, die sexuelle Dienstleistungen kaufen und von denen als „Kunden“ Gefahr ausgeht.

Das seit dem 1. Juli hierzulande wirksame Prostituiertenschutzgesetz sollte den Schutz für Sexarbeiter/-innen ausweiten, durch Anmeldepflichten, Gesundheitschecks und Kondompflicht. Es steht jedoch in der Kritik, die Betroffenen erneut zu stigmatisieren. Die „Kunden“ bleiben weiter unbehelligt, und von Prävention ist keine Rede.

Prostitution – ein ganz normaler Beruf? Tatsächlich bin ich unfähig, meine intuitiven moralischen Bedenken auszublenden und wünsche meiner Cousine einen Beruf, in dem ihr nicht gegen Entgelt ins Gesicht ejakuliert wird. Sie verfügt über die Freiheit, einen anderen Beruf zu ergreifen, weil sie nicht in Armut lebt. Sollte sie sich aber für das Angebot „sexueller Dienstleistungen“ entscheiden, muss ihr mein Respekt weiter zustehen. Stigmatisierung ist nämlich für den Schutz der Sexarbeiter/-innen, moralisch und vernunftgeleitet argumentiert, äußerst hinderlich.

Die Autorin ist Betriebswirtin und Politologin. Sie ist spezialisiert auf das Feld Gleichstellung am Arbeitsmarkt.

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