Lade Inhalte...

Krankheit Raus aus dem Wartezimmer

Mit der Anzahl ihrer Arztbesuche stehen die Deutschen an der Spitze der Industrienationen. Was sagt das über unser Gesundheitssystem?

03.01.2019 15:04

Deutschland ist Weltmeister – nicht im Fußball, Handball oder Eishockey, wohl aber in der Zahl der Arztbesuche. Internationale Vergleiche der Gesundheitssysteme sehen Deutschland mit durchschnittlich 17 bis 18 Arztbesuchen im Jahr an der Spitze der Industrienationen. Besagt diese Zahl, dass die Deutschen deshalb gesünder wären als die Einwohner anderer Länder?

Leider nein. Beim Vergleich von Indikatoren, die die Krankheitslast, die Sterblichkeit – etwa nach Herzinfarkt oder Schlaganfall – oder schlicht die Lebenserwartung anzeigen, steht Deutschland nicht an der Spitze, sondern oft weit hinten. Hier gibt es – wie bei der Entwicklung der Gesundheitskompetenz oder der Organisation von Versorgungsstrukturen und -prozessen – durchaus Potenziale für Verbesserungen. Die Devise „Viel hilft viel!“ dürfte im deutschen Gesundheitswesen zu hinterfragen sein. Die amerikanische Ärzteinitiative „Choosing wisely“ sollte auch hierzulande Schule machen.

Die Zahlen sollten weitere vermeintliche Gewissheiten in Frage stellen, etwa den Arztvorbehalt für die Veranlassung von Leistungen und die Verordnung von Arznei- und Hilfsmitteln. Es macht doch speziell für chronisch Kranke, die kontinuierlich mit Dauermedikation behandelt werden, keinen Sinn, alle drei Monate die Wartezimmer zu verstopfen, nur um ein Rezept und mehrere Überweisungen zu erbitten. Der Quartalsbezug von Leistungs- und Vertragsrecht in der Gesetzlichen Krankenversicherung sollte ebenso überdacht werden wie die Allmachtskompetenz der Ärzte. Es ist doch widersprüchlich, im Rahmen der Heilmittelverordnung eine (befristete) Dauerverordnung zu ermöglichen, diese dann an aber an den regelmäßigen Arztbesuch zu binden.

Dringender Handlungsbedarf besteht schließlich bei der Organisation von ärztlichem Bereitschafts- und Notfalldiensten und den Rettungsstellen sowie Ambulanzen an den Krankenhäusern. Hier muss ein koordiniertes abgestimmtes Zusammenwirken das heutige Chaos von organisierter Nichtverantwortlichkeit ablösen. Hier müssen Bund, Länder und Kommunen endlich ihre Egoismen überwinden und ein abgestuftes Versorgungssystem von der wohnortnahen Primärversorgung einschließlich der guten, alten Gemeindeschwester bis hin zur (digitalen) Hochleistungsmedizin schaffen. Andere Länder wie Dänemark oder Kanada haben vorgemacht, wie es gehen könnte.

Der Autor ist Vorstand des BKK-Dachverbands.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen