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Kapital Hat sich Marx geirrt?

Vielleicht sind nicht Zinsanhebungen, sondern Negativzinsen, vorausgesetzt sie können richtig greifen, die richtige Lösung. Die Gastwirtschaft.

11.07.2018 16:49

Warum spricht man in allen Zeitungen der Welt von Marx und seiner Lehre? Diese Frage wurde nicht etwa zum diesjährigen 200. Geburtstag von Karl Marx gestellt, sondern schon hundert Jahre früher – von einem seiner schärfsten Kritiker: Dem Ökonomen Silvio Gesell. Im Vorwort seines Hauptwerks „Die Natürliche Wirtschaftsordnung“ provozierte Gesell den Großteil der damaligen sozialistischen Bewegung als er schrieb, die breite Berichterstattung läge „an der Hoffnungslosigkeit und entsprechenden Harmlosigkeit der Marxschen Lehre... Marx würde ja dem Kapital niemals etwas anhaben können, weil er die Natur des Kapitals falsch beurteilt.“

Geld wird bei Marx nur zu Kapital, indem es „den kapitalistischen Produktionsprozess einleitet“, das heißt in Realkapital investiert wird. Der Mehrwert entsteht erst im Produktionsprozess, nicht zuletzt aufgrund des Privateigentums an Produktionsmitteln.

Für Gesell dagegen ist der Mehrwert das Produkt eines ungleichen Marktverhältnisses. Neben dem Boden stellt Gesell die strukturelle Überlegenheit des Geldes gegenüber den Waren und der Arbeit als Quelle des Mehrwerts heraus. Geld wird von jedem benötigt, kann aber von seinen Besitzern jederzeit vom Markt zurückgezogen werden.

Der britische Ökonom John Maynard Keynes sah in Gesells Werk die „Aufstellung eines anti-marxistischen Sozialismus“. Er glaubte sogar, dass „die Zukunft mehr vom Geiste Gesells als von jenem von Marx lernen wird“.

Linke Ökonomen – und noch mehr die herrschende Ökonomie, die die Finanzkrise weder kommen sah noch nachhaltig gelöst hat – müssen sich im Marx-Jahr die Frage gefallen lassen: Hat Silvio Gesell nicht am Ende vielleicht Recht? Haben nicht die Zinssenkungen Schlimmeres verhindert? Sind nicht Negativzinsen, vorausgesetzt sie können richtig greifen, die eigentliche Lösung?

Mithilfe negativer Zinsen stellt Gesell Gläubiger und Schuldner auf eine Stufe, weil diese die Hortung, die künstliche Verknappung des Geldangebots, behindern und die Geldhalter zur Freigabe des Geldes bewegen.

Jetzt, wo die amerikanische Notenbank die Zinsen schrittweise wieder anhebt und auch in Europa sich die Stimmen mehren, die eine „Normalisierung“ der Geldpolitik fordern, sagen wir: Wir brauchen keine Zinsanhebungen, sondern effektive Negativzinsen!

Die Autorin ist stellvertretende Vorsitzende der Initiative für Natürliche Wirtschaftsordnung.

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