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Happy Hartz Aus Scheiße Gold machen

Hartz-IV-Empfänger, die sich den Vorgaben des Amtes nicht beugen, müssen mit Sanktionen rechnen. Was würde passieren, wenn man diese Gängelung abschafft?

23.03.2018 08:49

Der Hashtag #HappyHartz sorgte diese Woche in den sozialen Medien für Aufregung. Anonyme Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft riefen auf www.mein-jobcenter.com dazu auf, ihre „Happy Hartz-Story“ zu erzählen. Dankbar berichteten dort ein Arbeitsloser, ein Azubi und eine alleinerziehende Mutter, wie sie dank staatlicher Unterstützung mit gutem Gefühl ihr Leben bewältigen können.

Klingt wie Satire, ist Satire. Allerdings mit ernstem Hintergrund. Hinter der Kampagne steckt der Verein Sanktionsfrei, der mit Spendengeld Sanktionen ausgleicht. Aus Hartz IV soll eine echte Existenzsicherung werden: Hartz Plus. Kürzungen durch Jobcenter werden einfach ausgeglichen. Die Menschen könnten darauf vertrauen, dass sie 409 Euro – wenig genug – wirklich sicher bekommen.

Wie weit wir von dergleichen entfernt sind, zeigt die emotionale Empörung auf die Kampagne: Hartz IV positiv darzustellen, sei „dumm und geschmacklos“!

Rein finanziell summiert sich die staatliche Stütze – 409 Euro plus Krankenkasse und Wohngeld – auf etwa 1000 Euro. Doch während bei der Vision von „Tausend Euro für jeden“ die Augen leuchten, ist Hartz IV, obwohl Lebensgrundlage von sechs Millionen Menschen, verpönt: Grundeinkommen ist Gold, Hartz IV ist Scheiße! Der Unterschied?

Während das erträumte Grundeinkommen ohne alle Auflagen gezahlt wird, muss ein Hartzer sich Vorgaben vom Amt beugen. Bei Nichtbefolgen behördlicher Maßnahmen drohen Sanktionen. Rund eine Million Mal jährlich kürzen Jobcenter das offizielle „Existenzminimum“. Ein Relikt schwarzer Pädagogik. Prinzip Abschreckung. Ungehorsam wird bestraft.

Finanziell geht es um Peanuts. Die Kürzungen – für die einzelnen Betroffenen existenzbedrohlich – summieren sich für die Staatskasse lediglich auf 180 Millionen Euro im Jahr. Auf die Bevölkerung pro Kopf umgerechnet sind das etwa zwei Euro pro Jahr! Rechnet man die Verwaltungskosten dagegen, kosten uns die Sanktionen mehr als sie sparen. Sie sind teuer und sinnlos:

Was würde passieren, wenn man sie abschafft? Niemand würde deswegen einen vernünftigen Job aufgeben. Stattdessen könnten wir vielleicht wirklich mal die eine oder andere echte „Happy Hartz“-Story lesen. Aus Scheiße würde Gold! Hartz Plus könnte ein Anfang sein.

Die Autorin ist Kommunikationsberaterin.

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