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Grundsicherung Frau Hubers schmale Rente

Altersarmut ist sehr wohl ein Problem hierzulande, auch wenn die Bundesregierung es immer noch wegdefiniert.

05.07.2017 16:04

Nennen wir sie Frau Huber. Frau Huber ist 74 und lebt von knapp 700 Euro Rente im Monat. Sie wohnt in einer heruntergekommenen Ein-Zimmer-Kellerwohnung in Stuttgart, für die sie 280 Euro Monatsmiete bezahlt. Warm. Auch wenn die Wohnung kaum warm zu bekommen ist und sie deswegen häufig krank ist. Arm ist Frau Huber nicht. Zumindest, wenn man Armut mit dem Bezug von Grundsicherungsleistungen gleichsetzt.

Frau Hubers Sohn, der ebenfalls in Stuttgart lebt, wohnt in einer etwas besser ausgestatteten Wohnung, für die er monatlich rund 500 Euro Warmmiete bezahlt. Er bekommt für seine Arbeit den Mindestlohn in Höhe von knapp 1100 Euro netto im Monat. Vom Jobcenter erhält er zusätzlich 110 Euro Grundsicherung nach dem Sozialgesetzbuch II, besser bekannt unter dem nicht auszurottenden Begriff Hartz IV. Im Gegensatz zu seiner Mutter ist Herr Huber arm. Zumindest, wenn man Armut mit dem Bezug von Grundsicherungsleistungen gleichsetzt.

Dieses – zugegebenermaßen konstruierte, aber den sozialrechtlichen Bestimmungen entsprechende – Beispiel zeigt, dass die Gleichung „Bezug von Grundsicherung = arm“ und vor allem ihre Umkehrung „Nichtbezug von Grundsicherung = nicht arm“ nicht aufgehen kann. Dennoch wird von vielen Akteuren, bis hin zu den Wirtschaftsweisen, genau mit dieser Gleichung gearbeitet.

Nach dem neuesten Alterssicherungsbericht der Bundesregierung haben zwar ein Fünftel der alleinstehenden Männer und ein Viertel der alleinstehenden Frauen ab 65 Jahren Alterseinkünfte in Höhe von weniger als 1000 Euro im Monat, da aber nur rund drei Prozent dieser Altersgruppe Grundsicherungsleistungen bekommen, ist Altersarmut nach dieser Definition kein Problem.

Eigentlich hat sich die OECD schon vor vielen Jahren auf eine andere Definition geeinigt. Nach dieser immer weniger rezipierten Definition ist eine Person arm, deren Einkünfte sich auf weniger als 60 Prozent des (die Zusammensetzung des Haushaltes berücksichtigenden) Medianeinkommens belaufen. Und nach dieser realistischeren Definition liegt die Armutsquote der Generation 65 Plus inzwischen bereits leicht höher als die der Jüngeren. Altersarmut ist also sehr wohl ein Problem, wird aber erst dann auch als ein solches erkannt, wenn die interessengeleitete Wegdefiniererei endlich aufhört.

Der Autor ist Dozent für Sozialrecht an der Ev. Hochschule Ludwigsburg.

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