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Geldvermögen Schätze in der Räuberhöhle

Eigentum verpflichtet, heißt es im Grundgesetz. Es wird Zeit, dass sich daran mal wieder jemand erinnert.

27.05.2015 18:32
Dem immensen und trotz Minizinsen von Quartal zu Quartal immer weiter wachsenden privaten Reichtum steht eine ebenfalls zunehmende öffentliche Armut gegenüber. Foto: dpa

Es gibt ein wunderschönes Kinderbuch von Tomi Ungerer mit dem Titel "Die drei Räuber". Die drei Räuber überfallen eines Nachts eine Kutsche, in der ein kleines Mädchen namens Tiffany unterwegs ist. Da sie außer Tiffany nichts in der Kutsche finden, nehmen sie das Mädchen mit in ihre Räuberhöhle und machen ihr ein warmes Bett. Als Tiffany am nächsten Morgen in der Höhle Kisten und Truhen voller Schätze findet, möchte sie von den Räubern etwas - zumindest für ein Kind - sehr Naheliegendes wissen: "Was macht Ihr denn damit", fragte sie die Räuber. Die Räuber schauten einander verblüfft an. Sie hatten sich nie überlegt, was sie mit all dem Reichtum anfangen könnten."

Als die Deutsche Bundesbank Ende letzten Monats die neuen Vermögenszahlen bekannt gab, fiel mir diese Frage ein. 5072 Milliarden Euro betrug das private Geldvermögen der privaten Haushalte im vierten Quartal 2014. Wie würden die Vermögensbesitzer auf die Frage "Was macht Ihr denn damit?" antworten? Zum Beispiel so: "Wir suchen händeringend nach Anlagemöglichkeiten." - "Warum?" - "Damit das Geld mehr wird. Und weil man das dann hoffentlich vermehrte Geld in der Zukunft vielleicht einmal brauchen kann. Oder zumindest vererben." Oder: "Du bist noch zu klein, davon verstehst Du nichts."

Dem immensen und trotz Minizinsen von Quartal zu Quartal immer weiter wachsenden privaten Reichtum steht eine ebenfalls zunehmende öffentliche Armut gegenüber, die wir in den vergangenen Jahren weitgehend verdrängt oder als unabänderlich zu sehen gelernt haben. An marode Brücken, bröselnde Hochschulgebäude oder unzureichend ausgestattete Bibliotheken haben wir uns ebenso gewöhnt wie an die vorgeblich in Stein gemeißelte Tatsache, dass die Personalkosten für Lehrerinnen, Sozialarbeiter oder Erzieherinnen eine kaum tragbare Belastung darstellen.

Diskrepanz dürfte es nicht geben

Nach dem Grundgesetz dürfte es die sich immer weiter vergrößernde Diskrepanz zwischen privatem Reichtum und öffentlicher Armut eigentlich gar nicht geben. "Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen", steht in Artikel 14. Oder anders ausgedrückt: Im Grundgesetz ist die um den Modus des Sollens erweiterte Frage "Was macht Ihr denn damit?" deutlich beantwortet.

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