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Gastwirtschaft Zeit für die Trümmerfrau

Aus einer von Angst geprägten Kultur wie bei Volkswagen erwächst leicht Lug und Betrug. Eine Frau könnte für echte Veränderungen sorgen. Oder ist das System noch nicht kaputt genug?

27.09.2015 15:26
Angela Hornberg
Wer findet hier die Frau? Foto: dpa

Aus einer von Angst geprägten Kultur wie bei Volkswagen erwächst leicht Lug und Betrug. Eine Frau könnte für echte Veränderungen sorgen. Oder ist das System noch nicht kaputt genug?

Winterkorns Rücktritt ist eine Blendrakete – ein Schein-Opfer des Systems. Das System heißt „Gutsherrenwirtschaft“. Selbst konservative Beobachter kritisieren die Unternehmenskultur aus Leistungsdruck und Strenge, die nicht nur bei VW praktiziert wird: Vorgesetzte stecken ihren Mitarbeitern unerreichbare Ziele und hinterfragen nicht, wie das Wunder der angeblichen Zielerreichung möglich ist.

Im Schatten dieser Kultur gedeiht der Frust der Mitarbeiter. Aus der Saat der Angst erwächst schließlich Lug und Trug. Und obgleich die Unternehmenserfolge scheinbar historische Ausmaße annehmen, sind die Früchte dieser Ernte in Wahrheit verfault: Solche Miss-Ernte wurde schon bei Siemens eingefahren, bei Thyssen-Krupp oder der Deutschen Bank.

Das System bleibt männlich-militärisch

Das Tempo, in dem der Personalwechsel jetzt vollzogen wird, macht deutlich: Winterkorn geht, damit ein anderer Platz nehmen kann. Der König ist tot, es lebe der König. Bis zum nächsten Skandal. Das System ändert sich nicht. Es bleibt männlich-militärisch. Ich kenne junge High-Potentials, die einen Job bei VW ablehnen, weil „sie dann ja gleich zur Bundeswehr gehen könnten“.

Dass Winterkorn Chef von Porsche, dem Mehrheitsaktionäre von VW, bleiben will, spricht Bände. Ein echter Systemwechsel geht anders. Der braucht Zeit und erkennbar neue Köpfe. Der amerikanische Autokonzern GM hat es vor- und eine Frau zum CEO gemacht: Mary Barra, auf der Forbes-Liste der einflussreichsten Frauen der Welt auf Platz 7.

Nachdem der Konzern zugeben musste, für den Tod von 80 Menschen und 148 nicht-tödliche Unfälle verantwortlich zu sein, leitete sie einen spektakulären Kulturwandel ein – ohne Rücksicht auf alte Seilschaften, Komplizentum und Männerfreundschaften. Mit großer Entschlossenheit etabliert sie eine Kultur der Offenheit und Kreativität und den offenen Umgang mit Fehlern und Schwächen: „Wenn Sie irgendetwas daran hindert, Ihr Bestes zu geben, dann kommen Sie in mein Büro und stellen alles auf den Kopf!“

Wer VW retten und den Imageschaden für die deutsche Wirtschaft abwenden will, muss den Wechsel radikal vollziehen: Im zehnköpfigen VW-Vorstand wäre Platz für mehr als eine Frau. Oder ist das System noch nicht kaputt genug, damit die „Trümmerfrauen“ den Schutt wegräumen und ein neues Wirtschaftswunder ermöglichen dürfen?

Die Autorin ist Volkswirtin. Sie hat als Investmentbankerin gearbeitet und berät heute die Top-Etagen der europäischen Wirtschaft in Personalfragen.

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