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GASTWIRTSCHAFT Wem gehört die Stadt?

Wem an einer demokratischen Stadtgesellschaft gelegen ist, der sollte bezahlbaren Wohnraum nicht gegen grüne Freiflächen ausspielen.

22.11.2017 12:19
München, 23.8.2006 / Foto: Robert Haas Foto: Robert Haas

Dass der Berliner Prinzessinnengarten jüngst noch auf der Seoul Biennale für Architektur und Urbanismus als Beispiel für eine demokratische, koproduzierte Stadt gefeiert wurde, bedeutet nicht, dass das international bekannte Leuchtturmprojekt eine sichere Zukunft hätte. Die Biennale widmete sich dem Thema „Imminent Commons“, also den Gemeingütern, die von neuen stadtpolitischen Akteuren weltweit in den von Privatisierung bedrohten öffentlichen Räumen geschaffen und bewirtschaftet werden. Als Berliner Beitrag war eine gemeinschaftlich errichtete Hocharchitektur im Prinzessinnengarten zu sehen, die als neuartiger Debattenraum die Frage „Wem gehört die Stadt?“ durch das Okular öffentlicher Initiativen betrachtet.

Vor ihnen macht der „Ausverkauf der Stadt“, wie es auf einer Kundgebung am vergangenen Samstag in Berlin hieß, keineswegs halt. Unter dem Motto „Grüne Freiräume erhalten“ rief das Netzwerk Urbane Gärten Berlin dazu auf, die jahrelange Stadtteilarbeit der bedrohten Gartenprojekte wie „Prachttomate“ in Neukölln oder „Himmelbeet“ im Wedding zu erhalten. Auch in München musste das bundesweit bekannte Projekt „o‚pflanzt is!“ kürzlich seine gemeinnützigen Aktivitäten einstellen – weil auf dem Areal Wohnungen gebaut werden.

Viele der rund 650 urbanen Gärten sind zu Schlüsselinstitutionen in ihren Stadtteilen geworden – sie bieten visuelle Kontrapunkte zur dominanten Konzernästhetik, sie schaffen Zugang zu Stadtnatur und Raum zum Selbermachen für alle, sie beleben Nachbarschaften, bringen Menschen unterschiedlichster Sozialmilieus zusammen und leisten unverzichtbare Beiträge zur Umweltgerechtigkeit.

Vielen droht nun das Aus. Wie kaum ein Zweiter hat der renommierte Stadtforscher David Harvey die spezifisch kapitalistische Form der Urbanisierung analysiert. Er prognostiziert, dass sich künftige urbane Aufstände nicht mehr an den Lebensverhältnissen des klassischen Fabrikproletariats entzünden, sondern an Fragen des Wohnraums, des Rechts auf Stadt und der ökologischen Zerstörung. Wem an einer demokratischen Stadtgesellschaft gelegen ist, sollte bezahlbaren Wohnraum nicht gegen grüne Freiflächen ausspielen – und den öffentlichen Raum freihalten für vielversprechende Formen neuer urbaner Allmenden.

 

Die Autorin ist Soziologin und Leiterin der Forschungsgesellschaft Anstiftung.

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