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Gastwirtschaft Verbohrte Minderheit

Die Falschen haben die Hoheit über die Ökonomie.

07.04.2016 17:00
Lukas Böhm

Eine neue wissenschaftliche Wahrheit setzt sich durch, weil ihre Gegner aussterben und die neue Generation von vornherein mit der Wahrheit vertraut gemacht worden ist.“ Das hat Max Planck mal gesagt.

Hans-Werner Sinn ist ja kürzlich in den Ruhestand gegangen. Aber dass sein Nachfolger als Chef des Ifo-Instituts, Clemens Fuest, jetzt zum Pluralisten wird, ist unwahrscheinlich. Und wenn wir als Netzwerk Plurale Ökonomik mit dem Verband deutscher Ökonomen, dem Verein für Socialpolitik, diskutieren, wird oft der Eindruck erweckt: Die meisten Ökonomen halten sowieso nichts von Pluralismus. Da kämpfen ein paar idealistische Studierende gegen ihre Professoren.

Die Wahrheit ist: Eine Umfrage unter 1000 Ökonomen in Deutschland hat 2015 ergeben, dass mehr als die Hälfte unsere Forderung nach Pluralismus unterstützt. Mehr als 600 der Befragten stimmten zumindest teilweise zu, dass die Wirtschaftswissenschaft zu sehr auf stark formalisierte Modelle setzt. Das ist brisant, wenn man weiß, dass fast alles, was heute Wirtschaftswissenschaft heißt, aus stark formalisierten Modellen besteht. Als Alternative wünschen sich über zwei Drittel mehr Geschichtsforschung in der Ökonomik.

Und wie die Forschung, so leider auch die Lehre: Kürzlich haben wir mit einer Untersuchung in zwölf Ländern gezeigt, dass diese historische Betrachtung der Wirtschaft im Studium viel zu kurz kommt. Im durchschnittlichen Wirtschaftsstudium machen Wirtschafts- und Theoriegeschichte nur etwa zwei Prozent aus.

Es ist also kein Kampf Studierende gegen Lehrende. Stattdessen gibt es eine verbohrte Minderheit, die halsstarrig an einer überholten Einseitigkeit in der Wirtschaftswissenschaft festhält. Darunter findet sich der Nachwuchsbeauftragte des Vereins für Socialpolitik, der unsere Kritik zum „Gähnen“ findet und aktiv gegen plurale Ansätze Stimmung macht. Doch zum Glück unterstützt eine Mehrheit der Ökonomen eine Veränderung in Forschung und Lehre.

Die Forderung nach Pluralismus ist also mehrheitsfähig geworden. Und steter Tropfen höhlt möglicherweise auch den härtesten Ökonomen-Starrsinn. Planck könnte also Unrecht gehabt haben. Vielleicht muss keine Wissenschaftlergeneration aussterben, um Wandel zu ermöglichen. Vielleicht müssen nur die, die diesen Wandel befürworten, auch dafür einstehen.

Der Autor ist seit Anfang 2015 Mitglied im Netzwerk Plurale Ökonomik.

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