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GASTWIRTSCHAFT Unseren Lebensstandard ändern

Wir müssen die Verantwortung für weltweite Fluchtbewegungen anerkennen.

11.09.2017 16:19

Vor zwei Jahren, im Sommer 2015, setzten Tausende Geflüchtete ihr Recht auf Bewegungsfreiheit durch und kamen von Budapest nach Deutschland. Seitdem sind die Zahlen in Deutschland zurückgegangen. Aber nicht, weil weniger Menschen auf der Flucht sind, sondern weil die europäischen Außengrenzen stärker abgesichert und viele Routen gesperrt sind. Wenn wir vermeiden wollen, dass Millionen in die Flucht getrieben werden, müssen wir die Ursachen in den Blick nehmen. Denn die Menschen fliehen aus Not – niemand nimmt sonst einen lebensgefährlichen Weg auf sich.

Fluchtursachen bekämpfen bedeutet jedoch nicht, à la großer Koalition ein paar Milliarden weltweit in Vorzeigeprojekte zu stecken, sondern die tatsächlichen Ursachen für Armut und Existenznot im globalen Süden anzugehen. Das heißt, das negative Erbe des Kolonialismus und sein Fortwirken bis heute anzuerkennen und dagegen vorzugehen. Länder, aus denen Menschen fliehen, fungieren noch immer zum Großteil als Rohstofflieferanten für den globalen Norden, sie können keine eigenen Wertschöpfungsketten aufbauen.

Außerdem führt die Agrarpolitik der EU zu Überproduktion, mit der afrikanische Märkte überschwemmt werden. Das zerstört die lokale Landwirtschaft. Gleichzeitig fischt die europäische industrielle Fischfangflotte die Gewässer vor Afrika leer. Beides entzieht ganzen Wirtschaftszweigen die Existenzgrundlagen. Durch die fortschreitende Digitalisierung weltweit werden immer mehr Seltene Erden benötigt, die unter unmenschlichen Bedingungen geschürft werden. Nicht zu schweigen von den Folgen des Klimawandels: Dürren, Verwüstung, Überschwemmungen.

Fluchtursachen bekämpfen heißt, Verantwortung für diese Entwicklungen zu übernehmen und unsere Wirtschaftspolitik zu ändern. Denn es ist unser Lebensstandard, der Ausbeutung und Armut im globalen Süden verursacht. Wenn wir so weitermachen, werden in den nächsten Jahren und Jahrzehnten weiter Millionen Menschen gezwungen sein zu fliehen. Sie von Europa fern zu halten, hieße, die grausame tödliche Politik der Grenzsicherung fortzusetzen. Daher müssen wir unsere Art zu wirtschaften verändern und unser Konsumniveau verringern, wenn wir ein gutes Leben für alle statt Flucht weltweit wollen.

Die Autorin arbeitet beim Konzeptwerk Neue Ökonomie und ist Teil der Webredaktion von www.degrowth.de

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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