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Gastwirtschaft Streit über Verteilung

Die Analyse von Karl Marx bleibt hochaktuell.

20.09.2017 10:00

Im Schatten des Lutherjahres ist „Das Kapital“ von Karl Marx vergangene Woche 150 alt geworden. Der große Denker des 19. Jahrhunderts hat die Grundstruktur unserer Gesellschaft scharfsinnig herausgearbeitet. Das heutige Wirtschaften, auch unser Wohlstand, beruhen auf dem Mehrwert, der durch die Arbeit geschaffen wird. Das mag diejenigen verblüffen, die Automatisierung und Digitalisierung als Quellen steigenden Lebensstandards sehen. Faktisch sind Automatisierung, Robotik und Digitalisierung jedoch nur Werkzeuge, um Arbeit noch produktiver zu machen. Was aber passiert mit den Produktivitätszuwächsen? Unternehmen und Arbeitende streiten bis heute über eine gerechte Verteilungslösung.

Die Verteilungsfrage ist letztendlich eine Machtfrage – das lässt sich schon bei Marx nachlesen. In dieser Hinsicht sind wir in den vergangenen 150 Jahren nur wenig weitergekommen, wenngleich sich der Kapitalismus gewandelt hat. Marx hat in seinen umfangreichen Schriften den Wandel des Kapitalismus vorausgesagt. Nicht mehr die Produktion, sondern die Finanzmärkte scheinen die Wirtschaft anzutreiben. Renditen werden weltweit maximiert.

Die Brillanz des Marxschen Werkes konnte nicht einmal durch den real existierenden Sozialismus geschmälert werden. Marx hat in seiner Gesellschaftsanalyse viele Stichworte geliefert, die heute hochaktuell sind. So hat er von Entfremdung gesprochen. Tatsächlich ist die Entfremdung in unserer Gesellschaft ein wahnsinnig großes Problem geworden. Die von Marx vorhergesagten Konzentrationsprozesse im Unternehmenssektor haben stattgefunden. Auch die vorausgesagte Privatisierung von Gewinnen bei gleichzeitiger Sozialisierung von Verlusten haben wir gerade erst wieder bei der internationalen Finanzkrise erlebt. Marx war in dieser Hinsicht ein hervorragender Prognostiker.

Sein Werk „Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie“ ist jedoch nicht nur Kapitalismusanalyse sondern vor allem Kapitalismuskritik. Der Dreh- und Angelpunkt ist die ungelöste Verteilungsfrage. Es ist erbärmlich und unerträglich, wie die steigende Armutsgefährdung im wirtschaftlich starken Deutschland regelmäßig bestürzt zur Kenntnis genommen, aber nicht dezidiert bekämpft wird. Wollen Vermögende wirklich auf Kosten von Armen reich sein?

Die Autorin ist Professorin für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule Bremen.

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