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GASTWIRTSCHAFT Status quo: unerfreulich

Es ist dringend Unterstützung nötig bei Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

29.08.2017 16:04

Um 6.30 Uhr die Kinder aus dem Schlaf reißen, hektisch frühstücken, den Nachwuchs zur Kita bringen und zu den Arbeitsstellen hetzen, um 13 Uhr nach Hause fahren, den Haushalt schmeißen, Kinder versorgen (sie), nach zehn Stunden Arbeit nach Hause kommen (er) – und dann haben sich alle in den Haaren, weil alle überfordert sind. Man nennt dieses Szenario, das Werktag für Werktag in Millionen Familien Alltag ist, Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Dass ein solcher Alltag nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann, hat in der Regierung zumindest Ex-Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) erkannt, und eine Idee ins Spiel gebracht, die sie zunächst Familienarbeitszeit, dann Familiengeld genannt hat. Kern des Konzepts: Wenn Eltern, deren jüngstes Kind maximal acht Jahre alt ist, beide zwischen 28 bis 36 Stunden in der Woche erwerbstätig sind, sollen sie zwei Jahre lang ein Familiengeld von insgesamt 300 Euro pro Monat bekommen.

Man kann im Einzelnen über Schwesigs Konzept streiten, etwa darüber, ob bei kleinen Kindern die Untergrenze schon bei 24 Stunden liegen sollte und wie sich ein Familiengeld zu anderen -leistungen verhält. Aber zum Streit ist es nicht gekommen. Die Idee wurde von Unionsseite einfach wegbelächelt und von vielen Sozialdemokraten nicht thematisiert. So verschwand die Idee wieder in der Versenkung, wo sie nicht hingehört.

Eine breite Diskussion über die Neuverteilung der Arbeitszeit ist jedoch dringend notwendig. Sonst bleibt es noch über Jahrzehnte beim unbefriedigenden Status quo. Denn nur wenige junge Familien trauen sich, gegen den Mainstream das Modell der doppelten Teilzeit zu versuchen. Zu groß ist die Angst der Männer, auf dem betrieblichen Abstellgleis zu landen, zu groß ist die Angst der Frauen, wenn sie ihre Arbeitszeit ausdehnen wollen, als Rabenmutter zu gelten oder dafür verantwortlich zu sein, dass ihr teilzeitbeschämter Mann nicht die erträumte Karriere macht. Aber es gibt auch die Familien, die gerne ein neues Modell ausprobieren würden. Eine Unterstützung dieser „neuen“ Familien sollte die nächste Regierung dringend angehen. Damit sich Familie und Beruf auch wirklich vereinbaren lassen.

Der Autor ist Experte für Sozialrecht und Dozent an der Ev. Hochschule Ludwigsburg. Zuletzt erschien von ihm in der Ratgeberreihe Informationsoffensive die 4. Auflage seines Hartz-IV-Ratgebers.

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