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Gastwirtschaft Lobbyisten im Unterricht

Bildungspolitik darf sich nicht vereinnahmen lassen

03.11.2015 13:51

Vergangene Woche wurde ein Vorfall publik, der erneut schwerwiegende Fragen zum Stand der ökonomischem Bildung in Deutschland aufwirft: Das Bundesinnenministerium verhängte ein Vertriebsverbot für den Sammelband „Wirtschaft und Gesellschaft“. Das von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgebrachte Buch enthielt einzelne lobbyismuskritische Beiträge und wurde vorwiegend für den Wirtschaftsuntericht an Schulen konzipiert. Mit dem vorläufigen Verbot folgte das Innenministerium einer Forderung des Arbeitgeberverbandes BDA. Nach einer Prüfung soll es nun doch wieder angeboten werden.

Publikation freigegeben – alles wieder gut? Keineswegs! Der vorliegende Fall zeigt, dass das Innenministerium die Gefahr momentan auf der falschen Seite verortet. Unternehmen stehen seit Jahren in der Kritik, ein wirtschaftsliberales Wirtschaftsverständnis zu verbreiten, zum Beispiel durch Lehrerfortbildungen. Online bereitgestellte Unterrichtsmaterialien sind dabei ein beliebtes Mittel um ein, aus Sicht der Unternehmen, ‚realistischeres‘ Wirtschaftsverständnis in den Schulen zu verankern. Darüber hinaus führt eine, vielfach als einseitig kritisierte Wirtschaftswissenschaft dazu, dass bereits die universitäre Lehrerausbildung eine wirtschaftsliberale Grundausrichtung aufbaut.

Nun hat die Unternehmensperspektive ebenso ihren Platz wie andere Blickwinkel auch. Wichtig ist jedoch, dass – im Sinne einer demokratischen Gesellschaftsordnung – stets verschiedene Perspektiven dargestellt und kritisch hinterfragt werden. Gerade wenn Lobbymacht und finanzielle Ausstattung es Interessengruppen ermöglicht, Lehrmaterialien zu platzieren oder wenn eine einzige Perspektive die universitäre Lehrerbildung dominiert, ist es Aufgabe des Staates, für Ausgeglichenheit zu sorgen.

Der Beutelsbacher Konsens, der seit 1976 als Grundprinzip politischer Bildungsarbeit gilt, macht genau dieses Ideal der Ausgewogenheit zur Richtlinie. Er verpflichtet die schulische Lehre in diesem Sinne zur Zurückhaltung (Überwältigungsverbot) und zu einer vielfältigen und multiperspektivischen Darstellung von Inhalten (Kontroversitätsgebot). Damit wird klargestellt: Bildungspolitik darf sich nicht von Partikularinteressen vereinnahmen lassen, sondern muss ein pluralistisches Wirtschaftsverständnis gewährleisten.

 

Der Autor ist Mitglied im Netzwerk Plurale Ökonomik und studiert Internationale Politische Ökonomie (M.A.) an der University of Warwick“

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