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GASTWIRTSCHAFT Liegt’s an den Hormonen?

Wie die Neuroökonomik Ungleichheit erklären will

14.06.2018 14:34
Luisa Hammer

Warum verdienen Frauen im Schnitt 21 Prozent weniger als Männer und erreichen nur selten die Chefetagen? Die Neuroökonomik, eine junge Subdisziplin der Wirtschaftswissenschaften, versucht diese und ähnliche Fragen anhand biologischer Merkmale wie Hormonen zu erklären. Bei Männern liegt dabei der Fokus auf Testosteron, das mit Risiko- und Wettbewerbsfreudigkeit, also karrierefördernden Eigenschaften assoziiert wird. Frauen dagegen bestimme vor allem ihr hormoneller Zyklus. Wenn solche biologischen Unterschiede tatsächlich wesentlich vorbestimmen, wie konkurrenzfähig Frauen und Männer am Arbeitsmarkt sind, könnte dies bestehende Lohnunterschiede natürlich erklären.

An sich sind interdisziplinäre Ansätze in der Ökonomik selten und daher zu begrüßen. Jedoch birgt die Neuroökonomik die Gefahr, überholte Geschlechtsstereotype wissenschaftlich zu reproduzieren. Die Studien sind zudem in vielerlei Sicht problematisch. So sind sowohl Gehirn als auch Hormone keinesfalls losgelöst von ihrer sozialen Umwelt, sondern anpassungsfähig, man spricht auch von neuronaler Plastizität. Dies steht im Widerspruch zur Annahme von konstanten hormonellen Geschlechtsunterschieden. Vielmehr sind die angeblich biologisch vorgegebenen Unterschiede durch Normen und Geschlechterrollen beeinflussbar.

Zudem sind die Studien oft tendenziös angelegt: John Coates und Joe Herbert analysieren in einer vielzitierten Studie den Einfluss von Testosteron auf Gewinne an Finanzmärkten ohne in ihrer (ohnehin sehr kleinen) Stichprobe auch nur eine Frau zu berücksichtigen. Wenn aber nicht geprüft wird, ob bei Frauen ein ähnlicher Zusammenhang zwischen Testosteron und finanzieller Risikobereitschaft besteht, ist die Aussagekraft des „typisch“ männlichen Effekts sehr beschränkt. Neurowissenschaftliche Studien weisen zudem auf deutlich komplexere Zusammenhänge hin.

Die einseitigen Ergebnisse der Neuroökonomik sind somit nicht nur aus neurowissenschaftlicher Sicht fragwürdig. Schlimmer, sie führen zu völlig verzerrten Schlussfolgerungen und zementieren bloß das Bild des „ökonomischen Manns“ und der Frau, die durch ihre Hormone zu geringerer Produktivität und Irrationalität verdammt ist. Die Frage nach wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ursachen wird so aus der Ökonomik verdrängt.

 

Die Autorin ist Mitglied der Initiative „Was ist Ökonomie?“ an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der HU Berlin.

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