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Gastwirtschaft Lasst uns irren!

Alles Mögliche wird gezählt, in Prozenten ausgedrückt und so als absolut in die Welt gerufen.Die Gastwirtschaft.

18.05.2018 15:21

Rund 2,46 Millionen Arbeitslose, 7882 abgelehnte Asylanträge, 287 Milliarden Exportüberschuss, 373 Morde in Nordrhein-Westfalen, eine Frauenquote von 30 Prozent. Alles Mögliche wird gezählt, in Prozenten ausgedrückt und so als absolut in die Welt gerufen. Zahlen schaffen Gewissheit. Sie vermitteln „so ist das“ und die daraus entstehende Gewissheit macht uns vor, dass wir sicher sein können. Gewiss und sicher lassen keinen Raum für Irrtum.

Irren ist menschlich. Ja, ja, aber den Irrtum wollen wir ausschließen. Eingeschlagene Wege werden nicht wieder verlassen, ob Globalisierung, Technologisierung, Monokulturlandwirtschaft oder Flüchtlingspolitik - es gibt keinen Weg zurück. Denn das hieße, Irrtum einzugestehen.

„Wer irrt, ist inkompetent oder dumm“, so in etwa lautet der kollektive Glaubenssatz. Niemand mag da noch der oder die Eine sein, sich von der Menge abzuheben und fröhlich zu rufen: „Schaut her, ich habe rausgefunden, wie etwas nicht geht.“

Häme und Ausgrenzung sind die Folgen für ein schwarzes Schaf. Das können wir in Politik und Wirtschaft täglich beobachten.

So sitzen wir dann in einem Dilemma, denn die Welt, die wir uns geschaffen haben, ist längst nicht mehr zu durchschauen. Bienensterben, Schweinegrippe, Waffenexporte oder Klimawandel, alles Themen mit vielen Wechselwirkungen und Dynamiken. Sie entziehen sich einer monokausalen Erklärung und niemand erkennt alle Zusammenhänge. 

Das gilt auch für unsere Arbeitswelt. Ein Unternehmen und die Menschen darin sind komplexe soziale Systeme. Trotzdem hält sich seit Jahrzehnten das Bild von der Maschine und ihren Zahnrädern, die gut aufeinander abgestimmt perfekt funktionieren. Mit diesem Glauben in den Köpfen werden jede Menge Zahlen festgelegt, erhoben und gesammelt. Ein Key Performance Indicator muss her. Er zeigt, wie gut es läuft im Unternehmen, wie gut die Einzelnen funktionieren. Vermeintlich, denn die Zahl überdeckt nur, was an Ungewissheit, Irrtum, Nichtwissen dahinter liegt.

Gewissheit existiert nur vermeintlich und scheint gleichzeitig unser Strohhalm, an den wir uns klammern in diesen undurchsichtigen Zeiten. Gut darin agieren und Einfluss nehmen können wir aber nur, wenn wir irren und korrigieren dürfen. Das Hoch auf die Gewissheit frisst die Irrtumsfähigkeit und endet in der Sackgasse.

 

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