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GASTWIRTSCHAFT Eliten in der Parallelwelt

Immer mehr Menschen wenden sich von den etablierten Parteien ab oder bleiben Wahlen gänzlich fern. Das höhlt die Demokratie aus wird sich nur ändern, wenn die Politik von unten aufgemischt wird.

07.10.2018 11:49

In Berlin wurde der 28. Jahrestag der Deutschen Einheit gefeiert. Doch es herrscht Katerstimmung (nicht nur) im Osten Deutschlands. Umfragen zufolge ist die AfD im Osten inzwischen stärkste Partei, der Vertrauensverlust gegenüber Staat und Regierung ist mit Händen zu greifen. Die Mutter dieser Probleme ist nicht die Einwanderung, sondern die soziale Spaltung. Die Lebenswelten driften auseinander und viele Menschen haben das Gefühl, dass soziale Probleme von den „denen da oben“ kaum noch wahrgenommen, geschweige gelöst werden.

Die Eliten dieses Landes haben sich in einer Parallelgesellschaft eingerichtet: Sie leben in abgeschotteten Villen oder in Stadtvierteln, die für Normalverdiener unerschwinglich geworden sind. Ihre Sprösslinge gehen auf Schulen, in denen sie mit Kindern aus bildungsfernen Schichten erst gar nicht in Kontakt kommen. Für sie scheinen auch andere Regeln und Gesetze zu gelten, wie die Finanzkrise und zahlreiche Steuerskandale gezeigt haben.

Nicht nur die Wirtschaftselite ist ein exklusiver Club der Reichen, zu dem auch Frauen, Ausländer oder Ostdeutsche kaum Zutritt haben. Wie der Eliteforscher Michael Hartmann beschreibt, rekrutiert sich auch die mediale, wissenschaftliche und politische Elite zunehmend aus der Oberschicht. Damit gerät die Lebensrealität breiter Bevölkerungskreise aus dem Blick, Problemlösungen werden blockiert. In der Folge wenden sich immer mehr Menschen von etablierten Parteien ab oder bleiben Wahlen gänzlich fern.

Wie kann man diese Entwicklung stoppen, die unsere Demokratie auszuhöhlen droht? Wohl nur durch eine Politik, die Reichtum von oben nach unten umverteilt und drängende Probleme wie steigende Mieten, Niedriglöhne, Rentenarmut oder Pflegenotstand endlich anpackt. Doch dazu müssen mehr Menschen, die solche Probleme aus eigener Erfahrung kennen, aufstehen und damit anfangen, die Parteien von unten aufzumischen.

Wie die politische Elite sozial geöffnet und ein Kurswechsel vollzogen werden kann, zeigt die Transformation der Labour Party unter Jeremy Corbyn: Mit mutigen sozialen Forderungen, einem Schattenkabinett zur Hälfte aus der Arbeiterklasse und vielen neuen Mitgliedern aus breiten Teilen der Bevölkerung kann Politik für die Mehrheit glaubwürdig vertreten und hoffentlich einmal real durchgesetzt werden.

Die Autorin ist Vorsitzende der Fraktion Die Linke im Deutschen Bundestag.

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