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Gastwirtschaft Der Kern der Aufklärung

Wir müssen über den Kapitalismus reden. Denn es gibt einen Zusammenhang zwischen Exklusion, ökonomischer Ungleichheit und globaler Umweltzerstörung.

06.12.2016 16:37

Da sind sie wieder, die altbekannten Nebenwidersprüche: Frauenrechte oder die Rechte von Minderheiten wie Schwule, Afroamerikanerinnen oder Geflüchtete seien in den westlichen Gesellschaften zu intensiv in den Blick genommen worden, so dass nun allerorten der Rechtspopulismus voranschreite. Aber stimmt der Schluss, dass sich die Weißen hinter Trump & Co. scharen, wie Mark Lilla in der „New York Times“ vermutet, weil sie sich durch ausufernde Identitätsdiskurse selbst als bedrohte Gruppe fühlen? Könnte es nicht vielmehr so sein, dass viele weiße Männer (und die mit ihnen identifizierten Frauen) rechts – und nicht links wählen, weil die neuen Autokraten ihnen versprechen, ihr vermeintliches „Recht auf Überlegenheit“ durchzusetzen?

Was nämlich der Universalismus, auf den Lilla sich bezieht (als Gegenpart zum Identitätsliberalismus), ausblendet, ist, dass er historisch nicht eingelöst hat, was ihn in der Essenz ausmacht: alle einzuschließen. Und die Rede ist hier nicht nur von Menschen – von abgehängten Industriearbeitern im Rust Belt, von Siebenjährigen, die in Kobaltminen im Kongo nach Rohstoffen für Smartphones schürfen, von Clickworkern aus Delhi oder von Zwangsprostituierten aus Osteuropa. Alle müssen gemeint sein, aber eben auch die nichtmenschlichen Wesen, die ebenso ein Recht auf eine ihnen gemäße Umgebungen haben, denkt man die Idee des Universalismus radikal weiter.

Erst wenn gleiche Lebensrechte für alle ausgehandelt werden, ist der Kern der Aufklärung erreicht und ihre Dialektik überwunden. Aber dafür müssen wir über den Kapitalismus reden, denn es gibt einen Kausalzusammenhang zwischen Exklusion, ökonomischer Ungleichheit, sozialen Herrschaftsverhältnissen und globaler Umweltzerstörung. Um diesen Zusammenhang in den Blick zu nehmen, adressieren Aktivisten heute nicht das Anthropozän, denn keineswegs alle Menschen verursachen gleichermaßen den Klimawandel, sondern das Kapitalozän – ein Begriff, dessen imaginative Kraft einen inklusiven Impuls in die gesellschaftliche Debatte gibt: Gesucht wird eine plurale und zugleich solidarische Moderne, die die Grenzen der Tragfähigkeit nicht leugnet, sondern sie in aufgeklärter, und das heißt offener Haltung neu verhandelt – nicht nur unter Menschen – sondern auch mit der Natur, die schon lange ein Wörtchen mitzureden hat.

Die Autorin ist Soziologin und Leiterin der Forschungsgesellschaft Anstiftung.

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