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GASTWIRTSCHAFT Ärztliche Doppelmoral

Wie sich Funktionäre unglaubwürdig machen

03.12.2018 17:04

Ä rztekammerpräsident Frank-Ulrich Montgomery fordert, der Gesetzgeber müsse der Beteiligung von Kapitalfonds an Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) mit angestellten Ärztinnen und Ärzten einen Riegel vorschieben. Sie interessierten „nicht die Qualität der Patientenversorgung, sondern die Rendite“, sagt er. Auch auf dem Zahnärztetag 2018 hörte man antikapitalistische Töne: „Die zahnmedizinische Versorgung darf nicht den Renditegelüsten versorgungsfremder Investoren geopfert werden“, heißt es in einer Entschließung.

Seit einigen Jahren können MVZ mit einer Fachrichtung zur kassen(zahn-)ärztlichen Versorgung zugelassen werden. Kapitalfonds haben dieses Modell vor allem in der Zahnmedizin als Anlageobjekt entdeckt. Das ARD-Magazin Plusminus brachte im Oktober einen Report mit Beispielen von Patienten, denen in solchen MVZ teure und nicht erforderliche Leistungen aufgedrängt wurden. Aber das ist keine Besonderheit von MVZ mit Kapitalbeteiligungen. Das kann einem auch in normalen Praxen passieren.

Das Problem ist nicht das MVZ-Modell, sondern die 2005 erfolgte Ausgliederung von Zahnersatz aus den Sachleistungen der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Diese zahlt ihren Mitgliedern seither einen die Kosten in der Regel zur Hälfte deckenden Festzuschuss. Den Rest tragen die Kassenpatienten aus eigener Tasche beziehungsweise mit einer privaten Zusatzversicherung.

Nach Angaben der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung stieg der Anteil des mit privaten Abrechnungen erzielten Umsatzes von Zahnarztpraxen von durchschnittlich 44,6 Prozent im Jahr 2004 auf 50,6 Prozent im Jahr 2015. Zeitgleich wuchs der den Praxisinhabern verbleibende Überschuss, der 2015 bei 32,9 Prozent der Einnahmen lag, um 42 Prozent und damit deutlich stärker als der Umsatz (plus 34 Prozent).

Solche Zahlen wecken natürlich das Interesse von Investoren. Das würde bei einer Wiederaufnahme des Zahnersatzes in den Sachleistungskatalog der GKV vermutlich abnehmen. Aber davon wollen die meisten Ärztefunktionäre nichts wissen. Für sie ist Erwerbsstreben in (Zahn-)Arztpraxen offenbar okay, während den MVZ „Renditegelüste“ angelastet werden. Das ist eine Doppelmoral.

Der Autor ist Ökonom und Publizist. Er war Referatsleiter im brandenburgischen Gesundheitsministerium. Aktuell von ihm im Buchhandel: „Mythen der Gesundheitspolitik“

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