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Einheitslügen So holt der Osten nie auf

Über die Mär von der Angleichung. Es fehlten nur noch ein paar Lohn- und Rentenprozente. Ein Kinderglaube. Die Gastwirtschaft.

25.10.2017 17:04

Bei den Feiern zur deutschen Einheit sang man wieder das hohe Lied von der Angleichung von Ost an West: Es fehlten nur noch ein paar Lohn- und Rentenprozente. Kinderglaube. Ungleichverteilung hat damit wenig zu tun, aber viel mit privatem Vermögen. Beweis: Selbst der frühere VW-Chef Winterkorn mit dem damals höchsten deutschen Netto-Jahreseinkommen von 9,6 Millionen Euro müsste 2150 Jahre arbeiten, um das damals höchste deutsche Nettorealvermögen von 20,7 Milliarden Euro zu erwirtschaften.

Belastbare Untersuchungen über das Ost-West-Verhältnis privater Vermögen gibt es nicht. Von den tausend reichsten Deutschen haben nur elf ihren Sitz in den neuen Bundesländern. Die Mehrheit davon vermutlich zugezogene Wessis. Von den im Jahr 2014 in Deutschland gezahlten 5,211 Milliarden Euro Erbschaftssteuern entfielen 5,108 auf den früheren Westen und 0,103 Milliarden auf den Osten.

Nach Umrechnung auf die verschiedene Einwohnerzahl ergibt das durchschnittlich im Westen pro Kopf 74,77 Euro, im Osten (einschließlich zugezogener Wessis) 7,46 Euro. Im etwa gleichen Verhältnis von 10:1 werden auch die privaten Vermögen zueinander stehen. In Gesamtdeutschland haben 50 Prozent der Bevölkerung Null Vermögen oder sogar Schulden, im Westen weniger, im Osten viel mehr. Deshalb rangiert ganz Deutschland bei den Durchschnittsvermögen pro Kopf noch hinter Skandinavien, Island, Benelux, Österreich und sogar Italien.

Woher soll ein Einwohner eines ehemals sozialistischen Staates auch größeres Privatvermögen haben? Die entstandene Ungleichverteilung war nicht nur voraussehbar – sie wird dank heutiger Politik immer größer. Wo sind etwa die beträchtlichen Immobilienvermögen der DDR-Rentenanstalt geblieben? Jedenfalls nicht bei den Rentnern. Und vom Privatisierungswahn der Treuhand dürfte kaum je ein Ossi etwas gehabt haben.

Abhilfe? Man könnte die geringe Ungleichverteilung im Osten an die hohe im Westen anpassen durch Zwangsumsiedlung von Oligarchen. Besser wäre aber angemessene Besteuerung superreicher Beute-Wessis. So würde sowohl die Ungleichheit zwischen Ost und West verringert, als auch die zwischen oben und unten im Westen. Und die Einheitslügen würden sich erübrigen.

 

Der Autor ist emeritierter Professor für Industrialisierung und Verteilungs- und Wachstumskritiker.

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