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Daten im Netz Wider die Sichtbarkeit

Wer kein gläserner Mensch sein möchte, sollte öfter mal Reptilien- statt Katzenvideos schauen.

Umsonst ist nur der Käse in der Mausefalle. Trotzdem nutzen wir kostenlose Webdienste und vergessen dabei, dass wir mit unseren Daten bezahlen – angeblich das Öl des 21. Jahrhunderts.

Viele winken an dieser Stelle bereits ab, es gehe sie nichts an, weil sie weder Facebook noch Google oder sonst einen Dienst im Web nutzen. Marion Fourcade, Soziologin der UC Berkeley, hat jedoch zu Recht darauf hingewiesen, dass wir unter einem Regime der Sichtbarkeit leben. Früher war die Vorstellung des gläsernen Menschen beängstigend. Heute steht jeder, der im Internet nicht auffindbar ist, unter Verdacht ein Technik-Muffel oder schlimmer: ein Terrorist zu sein. Nicht-Sichtbarkeit ist unter dem Regime der Sichtbarkeit eben auch eine Information. Ich nehme also hin, dass irgendwo gespeichert ist, ich bin Veganer und schaue Katzenvideos.

Doch damit nicht genug. Es bleibt nicht bei der Speicherung deskriptiver Daten. Diese Daten werden in Relation zu Konzepten gesetzt. Algorithmen bestimmen beispielsweise in welchem Verhältnis das Anschauen von Katzenvideos zur Kreditwürdigkeit des sich Katzenvideos anschauenden Menschen steht. Es klingt absurd, aber da gibt es womöglich eine algorithmisch erkennbare Korrelation. Wir agieren längst in einem Semantik-Web, in dem Schlussfolgerungen über uns aufgrund unserer deskriptiven Sichtbarkeit oder Nicht-Sichtbarkeit erstellt werden – wie es die chinesische Regierung mit dem „Sozialkreditsystem“ in perfider Weise anstrebt. Und wie funktioniert das? Das wissen wir nicht. Es fällt unter das Geschäftsgeheimnis derjenigen Unternehmen, oder eines Staates, denen wir unsere Daten schenken. Wir werden damit zunehmend transparenter. Unsere algorithmische Klassifizierung, ob als kreditwürdig oder verlässlicher Mieter, Arbeitnehmer und Bürger, bleibt jedoch intransparent.

Wie können wir uns gegen diese Schlussfolgerungen des Semantic-Webs wehren? Entweder technikpessimistisch die Webdienste nicht nutzen. Oder öfter Würstchen-Rezepte und Videos von Reptilien aufrufen – ein Versuch die Verknüpfung von Daten und Schlussfolgerung zu manipulieren. Und letztlich selbst steuern und fortwährend überprüfen, welche Daten im Web von einem vorhanden sind – auch auf die Gefahr hin ein neues Regime zu kreieren, das der Selbstzensur.

Die Autorin arbeitet an der TU Berlin und koordiniert das Berliner Hochschulprogramm DiGiTal zur Förderung von Frauen in Forschung und Lehre.

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