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Börsen Das Kapital sägt am Ast

Täglich führt die Wirtschaft die Politik vor. Wie lange noch wollen wir das widerspruchslos akzeptieren? Die Gastwirtschaft des ehemaligen Investmentbankers Rainer Voss.

16.08.2017 08:49
Geschäftsmann
Investieren heißt die Devise, in welcher Währung ist egal. Foto: Imago

Der 26. April 2017 war für Aktionäre von American Airlines ein turbulenter Tag. Innerhalb von Minuten verlor die Aktie acht Prozent ihres Wertes, obwohl kurz zuvor Rekorderträge verkündet worden waren, die die Erwartungen der Auguren weit übertrafen. Was war passiert ?

Da hatte doch dieser Doug Parker, der Vorstandsvorsitzende von American Airlines, allen Ernstes verkündet, man habe eine substanzielle Gehaltserhöhung für alle Angestellten beschlossen, und das, ohne dass Tarifvereinbarungen dies vorsahen. Seine aberwitzige Begründung war, dass man in sein Team investieren müsse, weil im Dienstleistungssektor das Team den Unterschied ausmache.

Der Shitstorm der Wall Street ließ nicht lange auf sich warten; J.P. Morgan stufte die Aktie sofort herunter, dies sei ein „bedauernswerter Präzedenzfall für das Unternehmen und die ganze Industrie“; der Vermögenstransfer von einer Milliarde US-Dollar an die Belegschaft „ein einschneidender Vorfall“, der so offensichtlich nicht akzeptabel ist!

Kapitalismus fördert Ungleichheit

Nach langer Zeit im Geschäft sind mir diese Abläufe natürlich vertraut, aber die Frage, wie lange wir noch diese unverrückbare, intrinsische Logik des Kapitalismus widerspruchslos akzeptieren, stellt sich immer dringender. In Zeiten, in denen wir täglich erleben, wie die Wirtschaft die Politik vorführt, Wachstum und Arbeitsplätze – gleich welcher Qualität – das Allheilmittel für alle irdischen Probleme sind und sinnvolle Aktionen wie die des Doug Parker als monströse Absurditäten gebrandmarkt werden, bedarf es der Mäßigung!

Dass das Kapital weiter an dem Ast sägt, auf dem es sitzt, mögen einige Zahlen aus der Zeitung „Guardian“ verdeutlichen: 51 Prozent der Amerikaner zwischen 18 und 29 stehen dem Kapitalismus skeptisch gegenüber! 77 Prozent der Deutschen aller Altersgruppen teilen diese Meinung und drei Viertel der Bürger der bedeutenden Wirtschaftsnationen halten Großunternehmen für korrupt.

Der Kapitalismus ist ein eindimensionales System, das Ungleichheit fördert und in der gegenwärtigen Form nicht in der Lage ist, den Herausforderungen einer vernetzten Welt gerecht zu werden. Da die bekannten Alternativen nicht wirklich attraktiver erscheinen, bedarf es einer gewaltigen Kraftanstrengung aller Beteiligten – Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft -, um diese Eindimensionalität aufzulösen.

Der Autor ist ehemaliger Investmentbanker.

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