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Arbeitswelt Wie viel Betrug braucht es?

Wer trotz (Selbst-)Vermarktungsdrucks den ehrlichen Blick auf seine Arbeit und sich selbst nicht verlieren will, sollte sich unabhängige Berater suchen, die erbarmungslos die Wahrheit sagen.

10.08.2018 17:04

Manager entwickeln im Laufe der Jahre ein eigentümliches Verhältnis zur Wahrheit. Sie können gar nicht anders. Das gehört quasi zum Berufsbild. Es geht damit los, dass man schon um einen Job zu bekommen, den Lebenslauf „optimieren“ muss. Arbeitslosigkeiten werden als „Orientierungsphasen“ deklariert; mangelnde Fremdsprachenkompetenz als „Basiswissen“ vertuscht. Man muss sich zu verkaufen wissen. Das wird selbst mit Langzeitarbeitslosen im Jobcenter trainiert: Bewerber müssen von den Euphemismen der Werber lernen.

Im Top-Management gibt es Menschen wie mich, die als Berater für Personality-PR das öffentliche Image aufpeppen. Dabei geht es nicht ums Lügen. Ein Glas ist halbvoll oder halbleer, das hat mit Wahrheit nichts zu tun. Aber eben doch mit Wirklichkeit. Und je nach Interessenlage wirkt halbleer anders als halbvoll.

„Fake it, until you make it“ – ist die Erfolgsformel für Start-ups. Hochstapelei gehört nicht zum guten Ton, aber zum Geschäftsmodell. Investoren wollen Märchen hören. Sie investieren in gute Stories, nicht in gute Menschen.

Ab einer gewissen Karrierestufe finden sich explizit Verschwiegenheitklauseln im Arbeitsvertrag. Eine Vertraulichkeitsvereinbarung, neudeutsch „NDA“, für das englische Non-Disclosure-Agreement, gehört seit Einführung der Datenschutzverordnung sogar zum Mietvertrag in sonst so lässigen Coworking-Spaces. Über irgendetwas nicht reden zu dürfen ist aber schon der erste Schritt in eine andere Wirklichkeit.

Nicht zufällig wird man vor Gericht aufgefordert, nichts als die Wahrheit, aber eben auch die volle Wahrheit zu sagen. Das Weglassen von Details kann einer Geschichte eine vollkommen andere Richtung geben. Ob der mutmaßliche Täter mit leeren Händen oder einem Messer davonlief, macht einen großen Unterschied. Gilt auch in der Wirtschaft.

Der Diesel-Skandal führt vor, wie lange man mit Halbwahrheiten durchkommt. Das Nichterwähnen der speziellen Abgas-Prüfungs-Software fühlt sich im klimatisierten Konzernbüro an wie eine kleine Schummelei, aber im rauen Wind der Medienwelt ist es böser Betrug. Wer trotz NDA und (Selbst-)Vermarktungsdruck den ehrlichen Blick auf seine Arbeit und sich selbst nicht verlieren will, sollte sich Berater suchen, die erbarmungslos die Wahrheit sagen. Das tut kurzfristig weh, verhindert aber Totalabstürze, wie wir sie in deutschen Konzernen reihenweise erleben. Ungelogen!

 

Die Autorin ist Kommunikationsberaterin.

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