Lade Inhalte...

Arbeitsmarkt Ungerechtes Sozialsystem

Den heutigen Arbeitsmarktbedingungen wird das deutsche Sozialsystem bisher nicht gerecht. Anstatt geeignete Möglichkeiten zu schaffen, den verfassungsrechtlich garantierten Sozialschutz am flexibilisierten Arbeitsmarkt aufrecht zu erhalten, wirft es Berufstätigen mit unsteten Erwerbsbiografien Knüppel zwischen die Beine.

17.09.2015 12:31
Berufstätigen mit unsteten Erwerbsbiografien werden Knüppel zwischen die Beine geworfen. Foto: dpa

Die Flexibilisierung der Arbeitswelt steht spätestens seit der Agenda 2010 hoch im sozialpolitischen Diskurs. Aktivierung des Arbeitsmarktes heißt das im gängigen Politiksprech. Tatsächlich können Arbeitnehmer heute nicht mehr davon ausgehen, zeitlebens an einem Arbeitsplatz tätig zu sein. Selbst wenn sie einen sozialversicherungspflichtigen Job bekommen, ist der in aller Regel zeitlich befristet. Gleichzeitig nehmen Teilzeitbeschäftigungen zu.

Den heutigen Arbeitsmarktbedingungen wird das deutsche Sozialsystem bisher nicht gerecht. Anstatt geeignete Möglichkeiten zu schaffen, den verfassungsrechtlich garantierten Sozialschutz am flexibilisierten Arbeitsmarkt aufrecht zu erhalten, wirft es Berufstätigen mit unsteten Erwerbsbiografien Knüppel zwischen die Beine. So verweigern beispielsweise öffentliche Arbeitgeber – so auch das Land Hessen – Teilzeitbeschäftigten jeglichen Zuschuss zur verpflichtenden Krankenversicherung, wenn das Anstellungsverhältnis über ein ganzes Kalenderjahr gerechnet nicht mehr als 50 Prozent der Arbeitszeit umfasst, etwa für eine halbjährige halbe Stelle.

Absicherung gewährleisten

Die Jahresbilanz ist für vorübergehend Beschäftigte indes vollkommen irrelevant, denn die Beiträge fallen monatlich an. Gleichzeitig müssen vorübergehend Beschäftigte aber auch dann in die Arbeitslosenversicherung einzahlen, wenn der Anstellungszeitraum gar nicht für einen Leistungsanspruch ausreicht. Und bei Berufsgruppen, die ihre Altersvorsorge über eigene Versorgungswerke finanzieren, etwa Architekten, (Zahn-)Ärzte und Anwälte, sind die Betätigungsmöglichkeiten beschränkt, denn die Deutsche Rentenversicherung (DRV) entscheidet nach sehr engen Berufsvorstellungen über die erforderliche Befreiung von der Versicherungspflicht.

Der deutsche Sozialstaat braucht dringend mehr „Flexicurity“. Das Konzept kommt aus Ländern, wo sich die Menschen schon seit langem mit einem Mix aus Anstellungen und Selbständigkeit über Wasser halten müssen. Das Sozialsystem muss auch bei unsteten Einkommensverhältnissen die Absicherung gewährleisten. Gerade öffentliche Arbeitgeber sollten ihren – finanziellen – Beitrag leisten, die soziale Absicherung Kurz- und Teilzeitbeschäftigter zu gewährleisten.

Der Autor ist Facharzt für Innere Medizin, Gesundheitswissenschaftler und Berater in der nationalen wie internationalen Gesundheitspolitik.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen