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Arbeitsbeschaffung Rückständige Ideologie

Die Politik hält hartnäckig daran fest, dass Existenzsicherung nur durch Arbeit legitimiert werden darf. Das führt zu dem Zwang, immer mehr künstliche Beschäftigung zu erfinden.

23.07.2018 14:04

Immer weniger Menschen produzieren immer mehr. Immer weniger Bauern können immer mehr Menschen ernähren, immer weniger Jüngere immer mehr Ältere. Immer weniger Menschen können die Existenz von immer mehr anderen Menschen sichern. Grund: Die Produktivität wächst noch immer. Trotzdem halten Politik und Mainstream-Ökonomie hartnäckig daran fest, dass Existenzsicherung nur oder vor allem durch Arbeit legitimiert werden darf. Das kommt zwar eingefahrenen Denkgewohnheiten entgegen, hat aber mehrere fatale Konsequenzen: Es führt zu dem Zwang, immer mehr künstliche Beschäftigung zu erfinden und überflüssige oder gar schädliche Arbeit immer weiter zu erhalten. Derzeit führt es zu dem aberwitzigen Gedanken, den Arbeitgebern zuliebe einen Niedriglohnsektor staatlich zu bezuschussen und das mit dem 200 Jahre alten Begriff „Grundeinkommen“ zu etikettieren, um eben genau darüber die Diskussion zu vermeiden. Diese künstliche oder gar schädliche Arbeit wird von SPD und Gewerkschaften dann beschwörend „gute Arbeit“ genannt. So wie man in den Notzeiten nach dem Krieg immer „gute Butter“ sagte.

Ist die Produktion von Rüstung, Agrargiften, Kunststoffmüll und Sozialbürokratie „gute Arbeit“? Oder dient hier eine verlogene Beschäftigungsideologie vielleicht eher dazu, alle Schweinereien dieser Welt als Humanfürsorge schönzureden? Und da sind noch weitere fatale Konsequenzen: Die Koppelung der Existenzberechtigung an die zurückgehende Arbeit, führt zu deren Überangebot, Entwertung und Prekarisierung. Der Aufbau künstlicher Beschäftigung wirkt dieser Fehlentwicklung nicht nur nicht entgegen, sondern verschärft sie weiter. Vor allem aber: Die zu billige Arbeit hält Unternehmen von notwendigen Zukunftsinvestitionen ab. Rückständige Ideologie fördert sich so selber.

Sinn eines Grundeinkommens ist vor allem zweierlei. Einen Teil der einseitig von der Kapitalseite eingesteckten Produktivitätsgewinne per Steuer von oben nach unten zurückzuverteilen und eine mündige Bevölkerung in die Lage zu versetzen, schädliche Arbeit ohne Gefährdung der eigenen Existenz ablehnen zu können. Es wäre die direkteste Form einer direkten Demokratie. Und eine wirksame Waffe gegen einseitig kapitalgesteuerte Politik.

Der Autor ist emeritierter Professor für Industrialisierung und Verteilungskritiker. Zum Thema siehe sein Buch „Geld oder Leben“.

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