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Arbeit Befristet und schlecht dran

Befristete Jobs sind ein Massenphänomen und dienen vielen Arbeitgebern als ausgedehnte Probezeit. Wer auf Zeit arbeitet, hat selten Vorteile.

07.06.2017 17:04

Treffen sich zwei Nachwuchs-Wissenschaftler, sagt der eine: „Und wann läuft Dein Vertrag aus?“ Was wie ein Witz beginnt, geht ziemlich unlustig weiter: Neun von zehn wissenschaftlichen Mitarbeitern sind befristet beschäftigt, mehr als die Hälfte der Verträge ist kürzer als ein Jahr. Das liegt vor allem daran, dass der Gesetzgeber die Befristung von Haushaltsmitteln als Grund für die Befristung von Arbeitsverträgen gelten lässt. Dieser Zusammenhang ist fatal. Ständige Befristungen halten Menschen von fast allem ab, was sie im Leben sonst noch vor haben. Sie gefährden aber auch die Kontinuität in Lehre und Forschung und machen den Arbeitsplatz Hochschule unattraktiv.

Die Wissenschaft ist ein besonders trauriges Beispiel, aber kein Ausreißer. Im Jahr 2015 waren 3,2 Millionen Jobs befristet (9,3 Prozent aller Beschäftigten) und 42 Prozent aller Neueinstellungen waren befristet (2001: 32 Prozent). Die negativen Folgen kommen auf leisen Sohlen: Liegen die Einstiegsgehälter von befristet und unbefristet Beschäftigten noch nicht weit auseinander, werden die Unterschiede größer, je länger befristet gearbeitet wird. Wer auf Zeit arbeitet, profitiert seltener von Lohnerhöhungen, Karrierechancen und Weiterbildungsangeboten.

Die sogenannte sachgrundlose Befristung war nicht immer Teil des Arbeitsmarktes. „Erfunden“ wurde sie 1985 mit dem Beschäftigungsförderungsgesetz. Der Gesetzgeber wollte den Teufel mit dem Beelzebub austreiben, in diesem Fall mit Befristungen die Arbeitslosigkeit. Bis dahin waren sie nur erlaubt, wenn ein Grund vorlag, z.B. eine Krankheitsvertretung. Nun aber konnten – trotz vehementer Kritik der Gewerkschaften – Arbeitslose bis zu einem Jahr befristet eingestellt werden. Diese Regelung galt zunächst bis 1991, wurde aber immer wieder verlängert und ausgeweitet.

Heute sind befristete Jobs ein Massenphänomen und dienen vielen Arbeitgebern als ausgedehnte Probezeit. Eine unrühmliche Rolle spielt dabei der öffentliche Sektor, der doch eigentlich Vorbild sein sollte: Der Anteil befristeter Neu-Verträge erreicht dort fast 60 Prozent. Es ist Zeit, dieses Instrument wieder abzuschaffen und zwar überall. Den Arbeitgebern mag es „Beinfreiheit“ verschaffen, aber der Freiheit der Arbeitnehmer steht es im Wege.

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