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Gastwirtschaft Deutsche Disziplin

Die Deutschen verbinden mit Disziplin zu oft Quälerei und Überwindung, findet der Unternehmer Matthias Kolbusa. Dass es auch anders geht, zeige das Sommermärchen 2006.

Das Geheimnis hinter der WM 2006? Freiwilligkeit, Selbstbestimmung, Begeisterung. Foto: Agentur: dpa (dpa)

Made in Germany“ ist weit mehr als ein weltweit gültiges Qualitätsversprechen. Es löst auch ein Bild davon aus, wie wir Deutschen ticken. Thomas Mann nennt es das „Faustische“ – das rastlose Streben nach den höchsten Dingen und tiefsten Gedanken. Oder, um es kurz zu sagen: Wir Deutschen sind humorlose und emotionsarme Perfektionisten.

Tatsächlich sind wir überdiszipliniert. Das sind wir, weil wir Disziplin aus falschem Verstehen falsch leben. Wir verbinden Quälerei, Überwindung oder Schmerz damit – oft geprägt durch die Kindheit, in der wir vieles tun mussten, zu dem wir keine Lust hatten.

Klar, dass wir Disziplin für heldenhaft halten. Eiserne Durchhaltemenschen, die Großes schaffen, ernten enorme Bewunderung und scheinen trotz aller Mühe gut drauf zu sein. Das haben wir selbst schon erlebt – im Sommermärchen 2006. Ein perfekt organisiertes WM-Turnier. Wir waren fantastische Gastgeber, und die Welt wunderte sich über uns.

Das Geheimnis dahinter? Freiwilligkeit, Selbstbestimmung, Begeisterung. Natürlich geht ein solch fantastisches Fußballfest nicht ohne Disziplin. Aber wenn man etwa so sehr will, wird Pflicht zum Mittel etwas Größeren. Sie ist kein Selbstzweck mehr.

Wenn uns ein inspirierendes Ziel infiziert, macht es Riesenspaß, uns täglich neu zu übertreffen. Diese positive Disziplin hat nichts mit dem sturen Abarbeiten einer To-do-Liste zu tun. Sie folgt einem höheren Sinn und der Überzeugung, dass es jede Mühe lohnt. Wer Mails um 5 Uhr morgens nur schreibt, um sein Pensum zu schaffen, wird Disziplin hassen. Wer aber früh das Nötige tut, um über Tag seinen Karrieretraum bauen zu können, hat Freude daran.

Zuerst muss dafür klar sein, dass wir etwas wollen und warum. Danach, ob die Idee nicht das verrät, an das wir glauben. Schließlich ist der Preis zu zahlen – nicht nur in Geld, sondern auch in Aufwand und Verzicht. Wir müssen also drei Mal vernehmlich Ja sagen, um Disziplin zum Vergnügen zu machen. 

Dies Prinzip gilt auch in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Braves Erledigen aufgezwungener Aufgaben zerstört Leistungsfreude. Wenn wir aber Sinn und Überzeugung selbst finden und stiften, strahlen wir aus, dass Disziplin Spaß macht, und Deutschland wird wie 2006 trotz Erfolgs sympathisch. 

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