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Rettungsaktion am Schreibtisch

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Von: Steffen Herrmann

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Wer von Zuhause arbeitet, braucht nicht mit dem Auto ins Büro fahren und spart Emissionen. Doch auch im Büro selbst gibt es Hebel für mehr Klimaschutz.

Immer mehr Unternehmen halten am Homeoffice fest – und das könnte gut fürs Klima sein.
Immer mehr Unternehmen halten am Homeoffice fest – und das könnte gut fürs Klima sein. © Fabian Strauch/dpa

Mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie sind viele Beschäftigte ins Homeoffice umgezogen. Bis zu 70 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer arbeiteten zwischenzeitlich in den eigenen vier Wänden. Auch im Dezember 2022 waren es laut dem ifo-Institut noch 25 Prozent der Beschäftigten. Durchschnittlich arbeiteten die Menschen in Deutschland im vergangenen Jahr 1,4 Tage pro Woche zu Hause.

Das Coronavirus hat die Arbeitswelt also verändert, auch künftig werden viele Menschen zumindest teilweise mobil arbeiten. Aber was bedeutet das für die Umwelt? Und kann man das Klima vom Schreibtisch aus retten?

„Wir sollten es auf jeden Fall versuchen“, sagt Manuela Weber. Die Berlinerin arbeitet als Senior Researcher beim Öko-Institut. Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen hat Weber die ökologischen und sozialen Auswirkungen des mobilen Arbeitens in der Pandemie ausgewertet.

Die Studie des Öko-Instituts zeichnet ein gemischtes, aber überwiegend positives Bild. „Kurz gesagt: Jeder zusätzliche Tag im Homeoffice hilft dem Klima“, fasst Weber zusammen. „Im konservativen Szenario sehen wir ein Minderungspotential von circa einer Million Tonnen CO2 pro Jahr, im progressiven Szenario mit höherer Homeoffice-Quote und einer hohen Anzahl von Homeoffice-Tagen je Woche liegen wir bei bis zu 9,6 Millionen Tonnen eingespartem CO2 pro Jahr.“

Homeoffice: „96 Prozent der Emissionen auf beruflichen Pendelstrecken sind Autofahrten“

Zum Vergleich: Im Jahr 2020 hat Deutschland knapp unter 730 Millionen Tonnen ausgestoßen. Der wichtigste Grund und Hebel für die Reduktion sind vermiedene Arbeitswege: Wer zu Hause arbeitet, muss nicht ins Büro fahren. Im vergangenen Jahr wurden laut Öko-Institut im Schnitt 38 Milliarden Kilometer Arbeitswege eingespart.

Ganz wichtig dabei: das Auto stehen lassen. „Dreiviertel aller beruflichen Pendelfahrten werden mit dem Pkw zurückgelegt“, sagt Manuela Weber. Meist sitzen die Pendler:innen dabei alleine im Wagen, die Emissionen sind dann im Vergleich zu Bus und Bahn besonders hoch. „Autofahrten sind für 96 Prozent der Emissionen auf beruflichen Pendelstrecken verantwortlich“, so Weber. Allerdings warnen die Fachleute des Öko-Instituts auch vor Verlagerungseffekten. So sei denkbar, dass kürzere Wege zur Arbeit durch „längere motorisierte Wege im Privaten (über)kompensiert werden“ – etwa zur Kita oder zum Supermarkt.

Auch auf die Ausstattung des häuslichen Büros kommt es an. Bei der Nutzung eines Firmenlaptops rechnen die Fachleute des Öko-Instituts mit 18 Kilogramm CO2-Emissionen pro Jahr. „Wird der Heimarbeitsplatz jedoch komplett neu ausgestattet und zudem energetisch zusätzlich zum Büroplatz beleuchtet und beheizt, steigen die damit verbundenen jährlichen CO2-Emissionen auf 307 Kilogramm“, heißt es in der Studie.

Papierbedarf im Büro: Recyclingpapier für weniger Treibhausgasen

Ob durch Homeoffice Heizenergie und damit häufig Gas eingespart wird, kommt auf den konkreten Fall an. „Ganz sicher“ werde beim Homeoffice „fast immer“ Energie für die Mobilität eingespart, sagte die Deutsche Energieagentur (Dena) dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. „Aber ob es auch zu einer Einsparung von Heizenergie kommt, ist nicht sicher, sondern hängt von vielen Faktoren ab.“ Das heißt: Wenn beispielsweise die Hälfte der Belegschaft im Homeoffice ist, aber trotzdem das ganze Büro geheizt wird, dürfte das sogar mehr Gas verbrauchen. Aber abseits vom Gas gibt es Hebel für einen gelungenen Klimaschutz im Büro. Der Klassiker: Strom sparen. Das ist auch im Interesse der Unternehmen: Nach Angaben der Berliner Informationsstelle Klimaschutz (BIK), die die Hauptstadt bis 2018 dabei unterstützte, ihre Klimaziele zu erreichen, können bis zu 75 Prozent der anfallenden Stromkosten gespart werden, wenn Büros und Arbeitsplätze mit energieeffizienter Technik ausgestattet werden. Da kommen je nach Größe des Unternehmens schnell Zehntausende Euro pro Jahr zusammen.

Ein anderes Beispiel: Wenn etwa der halbe Papierbedarf deutscher Büros mit Recyclingpapier gedeckt würde, könnten laut BIK jährlich der Ausstoß von Treibhausgasen verhindert werden, den eine Kleinstadt von 8000 Menschen pro Jahr verursacht.

Die Pandemie habe ein „Gelegenheitsfenster“ geöffnet, sagt Manuela Weber vom Öko-Institut. Unternehmen und Politik hätten erkannt, was das Homeoffice für die Transformation der Arbeitswelt und die Reduzierung von Emissionen leisten könne. Aber: „Der Fokus auf Homeoffice reicht nicht aus.“ Weber fordert, Dienstwagenregelungen müssten reformiert, Elektromobilität in betrieblichen Flotten gefördert sowie Mobilitätsalternativen wie etwa das Mobilitätsbudget ausgebaut werden. „Jetzt heißt es am Ball bleiben.“

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