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FRAX Oben top, unten Flop

Den Gewerkschaften gelingt es nicht, zunehmende Ungleichheit zu verhindern: Auch die Tariflöhne klaffen immer weiter auseinander.

23.04.2018 13:38
Arbeiter
Wer bekommt wie viel? Tarifabschlüsse vergrößern die Ungleichheit. Foto: afp

Es ist ja gerade wieder aus der Mode gekommen, über Ungleichheit zu sprechen. Der Internationale Währungsfonds hat sie zwar auch in seinem jüngsten Ausblick zur Weltwirtschaft zum Thema gemacht, doch Donald Trump und seine Einfälle dominieren die politische Agenda. Die massive Ungleichheit, ein Problem nicht nur für die Armen, sondern auch für das Wirtschaftswachstum und den Kapitalismus, gerät aus dem Blick.

Dabei zeigen neue Daten, wie tief das Problem auch hierzulande sitzt. In Deutschland gelten der Ausbau des Niedriglohnsektors, Teilzeit- und Leiharbeit, die geringe Besteuerung von Vermögen, Erbschaften und Kapitalerträgen, die Erosion des Tarifsystems und die Schwächung der Gewerkschaften als einige Ursachen für die Ungleichheit. Nun zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes, dass selbst Tarifverträge nicht vor zunehmender Lohnungleichheit schützen.

Die Wiesbadener Statistiker haben sich erstmals damit beschäftigt, wie sich die Tariflöhne unterschiedlicher Beschäftigtengruppen entwickelt haben. Dazu haben sie sich die Verdienste von ungelernten und angelernten Arbeitnehmern, von Fachkräften und herausgehobenen Fachkräften sowie von Arbeitnehmern in leitender Stellung angeschaut.

Auf den ersten Blick wirken die Zahlen unverdächtig. Demnach sind die Tariflöhne der ungelernten Arbeitnehmer – also der am schlechtesten verdienenden Gruppe – von Anfang 2015 bis Ende 2017 um 7,1 Prozent gestiegen. Die Löhne der Topverdiener unter den Tarifbeschäftigten, den leitenden Arbeitnehmern, verzeichneten im gleichen Zeitraum ein Plus von 6,9 Prozent, sie stiegen also sogar ein bisschen weniger. Bei den restlichen Beschäftigtengruppen ist die Entwicklung vergleichbar.

Auf den zweiten Blick zeigt sich genau hierin das Problem: Denn ein Lohnplus von rund sieben Prozent wirkt sich bei hohen Einkommen deutlich stärker aus als bei niedrigen Einkommen. Wer im Monat 2000 Euro verdient, hat 140 Euro zusätzlich in der Tasche. Wer 6000 Euro verdient, kommt hingegen auf ein Einkommensplus von 420 Euro. Der Einkommensabstand zwischen unten und oben wächst also von 4000 auf 4280 Euro.

Damit bestätigt sich erstmals ein Verdacht, den Beobachter der Gewerkschaften schon seit vielen Jahren haben: dass die Tarifabschlüsse die besserverdienenden Angestellten begünstigen. Denn meist läuft es in Tarifverhandlungen darauf hinaus, dass alle Löhne prozentual angehoben werden, viel seltener gibt es für die unteren Löhne eine besonders starke Erhöhung. Und selbst wenn, reicht das offenbar nicht, um die Lücke zu schließen.

Das zeigt auch der jüngste Tarifabschluss im öffentlichen Dienst. Die Arbeitgeber wollten vor allem die Löhne der Gutverdienenden deutlich anheben, um im Wettbewerb um Fachkräfte mit der freien Wirtschaft bestehen zu können. Die Gewerkschaft Verdi bestand zwar darauf, dass auch Beschäftigte mit niedrigen Löhnen einen satten Zuschlag erhalten: Sie setzte nicht nur eine prozentuale Anhebung der Löhne durch, sondern sorgte auch dafür, dass jeder mindestens 175 Euro mehr in der Tasche hat. Im Ergebnis konnte so aber nur dafür gesorgt werden, dass sich die Schere nicht ganz so stark öffnet. 

Das illustrieren einige Beispiele: Ein Datenbankverwalter mittlerer Qualifikation und Erfahrung erhält auf die gesamte Vertragslaufzeit gerechnet künftig 6,79 Prozent mehr Lohn, was monatlich 213,56 Euro zusätzlich bedeutet. Für den Berufsanfänger in der Poststelle im einfachen Dienst wird der Lohn zwar um 10,21 Prozent angehoben, doch unter dem Strich hat er monatlich nur 199,41 Euro mehr. Das Lohnplus des ohnehin besser verdienenden Datenbankverwalters fällt also immer noch 14,15 Euro höher aus. Während es Verdi aber immerhin gelungen ist, die unteren und mittleren Lohngruppen beieinander zu halten, ziehen die Gutverdiener davon. Der erfahrene, akademisch gebildete Leiter einer kommunalen Musikschule wird zum Beispiel ein 9,64 Prozent höheres Entgelt erhalten, was 485,92 Euro entspricht, also einem weit mehr als doppelt so starken Anstieg wie in den unteren Lohngruppen.

Die Frankfurter Rundschau hat die großen Gewerkschaften gefragt, warum es ihnen nicht gelingt, steigende Ungleichheit bei den Tariflöhnen zu verhindern. Immerhin mahnen sie selbst zu mehr Gerechtigkeit und politischen Schritten gegen die steigende Ungleichheit. Doch mit Ausnahme von Verdi blieben die Stellungnahmen vage.

„Wir haben das Problem im Blick“, sagte Norbert Reuter, Leiter der tarifpolitischen Grundsatzabteilung von Verdi. „Aber wir suchen auch noch nach Lösungen.“ Der Widerstand der Arbeitgeber sei massiv, wenn die Gewerkschaft starke Lohnerhöhungen für die unteren Tarifgruppen fordere. Weil zu diesen Gruppen die meisten Beschäftigten zählten, werde das für die Arbeitgeber schnell sehr teuer. Starke Lohnerhöhungen für die weniger zahlreichen Gutverdiener fielen hingegen weniger ins Gewicht. Um dieses Problem abzufedern, versuche man pauschale Mindestbeträge und Umgruppierungen von Beschäftigten in höhere Lohngruppen durchzusetzen. „Man müsste eigentlich für jede Lohngruppe gesonderte Forderungen aufstellen, doch das ist schwierig zu kommunizieren“, sagt Reuter.

Dass die Löhne auseinandergehen, hat auch strukturelle Ursachen. Gewerkschaften können nur höhere Löhne durchsetzen, wenn in Branchen auch mehr verdient wird. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung machte das Problem schon vor einigen Jahren klar. Sie erwartet in den Hochlohnbranchen bis 2020 bis zu sechsmal höhere Entgeltsteigerungen als in Niedriglohnbranchen. Die wachsende Lohnkluft nehme besorgniserregende Ausmaße an, heißt es in der 50-seitigen Veröffentlichung. 

Diese Entwicklung zeigt sich auch im FR-Arbeitsmarktindex. Er erfasst seit langem, wie sich die Spreizung aller Löhne (tarifliche und nicht-tarifliche) entwickelt. Es zeigt sich, dass sie heute größer ist als noch vor zehn Jahren. Und mit Ausnahme des Jahres 2015, in dem der gesetzliche Mindestlohn eingeführt wurde, hat es trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs und steigenden Reallöhnen keine nennenswerte Gegenentwicklung zu der sich öffnenden Schere gegeben. 

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