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FRAX Nur ein halber Arbeitsmarkt-Boom

Der Jubel über sinkende Arbeitslosigkeit und steigende Erwerbstätigkeit ist groß. Doch in der Realität wird nur etwas mehr gearbeitet als 1995.

30.07.2015 14:32
„Der männliche Industriearbeiter in Vollzeit ist längst nicht mehr die Norm“, sagt der Arbeitsmarktexperte Alexander Herzog-Stein. Foto: dpa

Erfolg oder Misserfolg? Gut? Oder noch nicht gut genug? Die Frage, wie es um den deutschen Arbeitsmarkt steht, ist nicht so einfach zu beantworten, wie es angesichts der Erfolgsmeldungen der vergangenen Monate zu glauben wäre. Denn im Moment üben zwar so viele Leute eine bezahlte Arbeit aus, wie noch selten zuvor. Im vergangenen Oktober wurde mit fast 43 Millionen Erwerbstätigen ein Rekordhoch erreicht. Doch das alleine führt leicht in die Irre. Denn 2014 wurde kaum mehr gearbeitet als noch 1995, wie aus Zahlen des Statistischen Bundesamtes hervorgeht.

„Wir haben diesen enormen Beschäftigungsaufschwung in den Köpfen, aber der geht einher mit mehr Teilzeit“, sagt Arbeitsmarktexperte Alexander Herzog-Stein vom gewerkschaftsnahen Forschungsinstitut IMK. Zwei von fünf Arbeitnehmern, insbesondere Frauen, sind inzwischen teilzeitbeschäftigt. „Das führt dazu, dass wir nicht die Arbeitsvolumina sehen, die wir eigentlich erwarten würden.“ Der Arbeitsmarkt sei heute ein anderer als noch vor der Jahrtausendwende. Minijobs, Teilzeitarbeit, prekäre Selbständigkeit, Frauenerwerbsbeteiligung (mit anderen Bedürfnissen) hätten zugenommen. „Der männliche Industriearbeiter in Vollzeit ist längst nicht mehr die Norm.“

In Zahlen drückt sich das so aus, dass die Beschäftigung seit 1995 um 12,6 Prozent zugelegt hat, während die geleisteten Arbeitsstunden im gleichen Zeitraum lediglich um 0,8 Prozent gestiegen sind. Das heißt, der Arbeitsmarkt ist gemessen am Arbeitsvolumen im vergangenen Jahr wieder da angekommen, wo er vor langer Zeit einmal war.

Wunsch nach mehr Arbeit

Der Arbeitsmarktexperte Holger Schäfer vom Institut der deutschen Wirtschaft hält das aber für eine durchweg positive Meldung. „Der Erfolg auf dem Arbeitsmarkt ist außergewöhnlich“, sagt er. Es sei gelungen, einen jahrelangen Negativtrend zu durchbrechen. Seit dem Jahr 2005 steige das Arbeitsvolumen tendenziell wieder, auch wenn es bedingt durch die Finanzkrise Rückschläge gegeben habe. Bemerkenswert sei zudem, wie zügig es sich nach dem Kurzarbeitsjahr 2009 erholt habe. Dem stimmt auch Simon Juncker vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung zu. „Dass wir beim Arbeitsvolumen nach jahrelangem Rückgang eine Trendumkehr hinbekommen haben, ist schon ein Erfolg“, sagt er.

Gleichwohl gibt es Stimmen, die den Arbeitsmarkt deutlich kritischer beurteilen. Denn das Arbeitsvolumen lenkt bei allen Jubelmeldungen über die Beschäftigungsentwicklung den Blick darauf, dass das Arbeitsbedürfnis vieler Menschen allen Verbesserungen zum Trotz noch nicht gestillt ist. „Sechs Millionen Menschen wollen (mehr) arbeiten“, hat das Statistische Bundesamt vor kurzem mitgeteilt. Neben denjenigen, die 2014 überhaupt keine bezahlte Arbeit gefunden haben, gab es 2,9 Millionen Menschen, die ihre Arbeitszeit gerne aufstocken wollten. Mehr als jeder siebte Teilzeit- und 4,4 Prozent der Vollzeitbeschäftigten äußern diesen Wunsch.

Mehr Konsum im Inland

„Die Umverteilung von Vollzeitbeschäftigung auf Teilzeitbeschäftigung erfolgt häufig nicht mit dem Einverständnis dieser Beschäftigten“, sagt deshalb der Chefökonom der Gewerkschaft Verdi, Dierk Hirschel. Viele Menschen haben sich nicht freiwillig dafür entschieden, weniger zu arbeiten. Sie arbeiten Teilzeit, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt. Hirschel weist darauf hin, dass selbst im Beschäftigungsboom in den Jahren 2012 und 2013 das Arbeitsvolumen noch gesunken sei. „Wir hatten einen Rückgang des Arbeitsvolumens um 300 000 Stunden, während die Beschäftigung um 700 000 Köpfe gestiegen ist“, so Hirschel. Erst im vergangenen Jahr machte das Arbeitsvolumen wieder einen Sprung nach oben – auf ein 20-Jahres-Hoch, wenn man so will.

Hirschel erklärt das damit, dass die Binnennachfrage angesprungen sei. Sie trug zwei Drittel zum deutschen Wachstum bei. Das helfe insbesondere im arbeitsintensiven Dienstleistungsbereich, wo anders als in der Industrie zusätzliche Nachfrage nicht zu einem guten Teil von Maschinen erledigt werden kann.

„Steigende Löhne, steigende Staatsausgaben, schon funktioniert das“, sagt Hirschel, und wirbt dafür, diesen Weg weiterzugehen, um noch mehr Menschen in Arbeit zu bringen. „Man kann mehr Beschäftigung schaffen, wenn man das Wachstum stärker am Binnenmarkt orientiert“, so der Ökonom. Es gebe in der Bevölkerung genügend Nachfrage nach besserer Gesundheitsversorgung, Bildung, Infrastruktur.

Fachkräftemangel bleibt

„Wir brauchen mehr Arbeitsvolumen“, pflichtet auch Herzog-Stein bei. Zugleich müsse bei bestimmten Arbeitsgruppen für Entlastung gesorgt werden, denn über 900 000 Menschen würden gerne weniger arbeiten als sie es derzeit tun. Einfach Arbeit von den Über- zu den Unterbeschäftigten zu verteilen funktioniert aber nicht. Hürden wie Qualifikation, regionale Verteilung und Arbeitsbereitschaft stehen dem im Weg. Also muss an manchen Stellen mehr Arbeit geschaffen werden, während es an anderer Stelle Entlastung braucht. „Dann kommen wir auch zu einem nachhaltigeren Arbeitsmarkt“, so Herzog-Stein, „in dem nicht die einen Arbeitnehmer unter- und die anderen überfordert sind.“ Beides kann krank machen.

Herzog-Stein plädiert dafür, eine kurze Vollzeit einzuführen. Das ist eine nicht mehr ganz taufrische Idee von Arbeitswissenschaftlern, die derzeit aber zunehmend Rückenwind bekommt. „Die kurze Vollzeit würde viele gesellschaftliche Probleme lösen“, sagt Herzog-Stein. Beruf und Privatleben ließen sich besser vereinbaren, indem etwa mehr Zeit für Kinder, Pflege, Freizeit oder Fortbildung bliebe.

Auch Experte Schäfer vom Institut der deutschen Wirtschaft sieht noch Potenzial beim Arbeitsvolumen. Es gebe aber auch Bereiche, in denen es knirsche. Wo Firmen nicht die richtigen Arbeitskräfte fänden, könne auch nicht mehr gearbeitet werden, so Schäfer. So kommt das Thema Fachkräftemangel wieder auf den Tisch, über das Forscher lange streiten können.

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