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Frax-Index Verschwendete Arbeitskraft

Trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs gibt es weiter viele Menschen in Deutschland, die dauerhaft keine Arbeit finden. Das schadet nicht nur den Betroffenen.

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In der deutschen Infrastruktur wie dem Straßenbau gibt es Bedarf, hier könnten neue Tätigkeiten entstehen. Foto: AFP

Merkel gegen Schulz. Mit der Entscheidung über die Spitzenkandidaten für das Kanzleramt ist das Bundestagswahljahr endgültig angebrochen. Am Wochenende haben die Parteien bereits kräftig die Werbetrommel für ihre Politik gerührt. Die gute Arbeitsmarktentwicklung darf die SPD dabei als ihren Erfolg verbuchen. Seit Jahren geht es aufwärts.

Der FR-Arbeitsmarktindex (FRAX), der Beschäftigung, Verdienste, Arbeitsbedingungen, Zugangschancen benachteiligter Gruppen und die Ausbildung analysiert, hat erneut einen Rekordstand erreicht. Seit seinem Tief Anfang 2009 ist er von 99,4 auf 105,1 Punkte im dritten Quartal des vergangenen Jahres geklettert.

Millionen Menschen sind in Arbeit gekommen. Und die Bundesregierung erwartet laut ihrem neuesten Jahreswirtschaftsbericht, dass die Zahl der Erwerbstätigen 2017 um weitere 320 000 auf dann mehr als 43,8 Millionen Menschen steigen wird. Auch Verdienste und Arbeitsbedingungen entwickeln sich positiv (siehe unten), wenngleich noch viel Verbesserungspotenzial bleibt.

Massenarbeitslosigkeit gibt es weiter

Doch Experten warnen vor Zufriedenheit. „Natürlich haben wir eine gute Situation am Arbeitsmarkt, aber wir haben auch sehr viele Menschen, die dauerhaft nicht in Arbeit kommen“, sagt der Arbeitsmarktforscher Alexander Herzog-Stein vom gewerkschaftsnahen Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung. Immerhin waren fast 2,7 Millionen Menschen im Durchschnitt im vergangenen Jahres arbeitslos.

Nimmt man die Menschen, die wegen Krankheit oder der Teilnahme an Beschäftigungs- oder Fortbildungsmaßnahmen nicht als arbeitslos gezählt wurden, summierte sich die Unterbeschäftigung auf fast 3,6 Millionen Menschen. Damit wird „ein umfassenderes Bild vom Defizit an regulärer Beschäftigung in einer Volkswirtschaft gegeben“, wie die Bundesagentur für Arbeit schreibt.

Die Massenarbeitslosigkeit in Deutschland existiere weiterhin, sagt der Wirtschaftsprofessor Heinz-Josef Bontrup von der Westfälischen Hochschule. Das ist nicht nur für die Betroffenen ein Problem. Schließlich ist Arbeitslosigkeit häufig mit einem Verlust des Selbstwertgefühls, der gesellschaftlichen Zugehörigkeit und gesundheitlichen Problemen verbunden. Die Gesellschaft hat dadurch auch hohe Kosten zu tragen. Doch nicht nur das: Sie vergibt auch die Gelegenheit, zusätzlichen Wohlstand zu schaffen.

Schon der Ökonom John Maynard Keynes hatte in den 1920er Jahren darauf hingewiesen, wie fahrlässig es ist, Menschen nicht in Arbeit zu bringen. Damals befand sich Großbritannien in einer schweren Wirtschaftskrise. Doch die neoklassischen Ökonomen empfahlen, einfach abzuwarten, bis sich die Lage bessert. Das erzürnte Keynes. „Während wir warten, sammelt sich die ungenutzte Arbeit der Arbeitslosen nicht zu unseren Gunsten auf einem Bankkonto“, schrieb er, „sondern ist unwiderruflich verloren.“

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB) hat errechnet, wie hoch die gesamtfiskalischen Kosten der Arbeitslosigkeit sind. Denn diese führt nicht nur zu höheren staatlichen Ausgaben, sondern auch zu geringeren Steuereinnahmen und Sozialbeiträgen. Von 2003 bis 2013 betrugen diese Kosten demnach im Durchschnitt gut 67 Milliarden Euro jährlich. „Ohne diese Kosten hätte der Staat kein Defizit gemacht, sondern Überschüsse“, sagt Ökonom Bontrup. „Die Sozialkassen hätten keine Probleme.“

Wie stark die Entlastung durch sinkende Arbeitslosigkeit ist, demonstrieren ebenfalls Zahlen des IAB. So sind die gesamtfiskalischen Kosten zwischen 2004 und 2014 von 92,2 auf 56,7 Milliarden Euro gesunken. Eine Erklärung dafür, warum Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) nun Haushaltsüberschüsse ausweist. Doch mehr Menschen Arbeit zu geben, bedeutet mehr als nur Kostenvorteile. Es könnten auch gesellschaftliche Bedürfnisse besser befriedigt werden. „Da gibt es viel Bedarf in Deutschland“, sagt Bontrup. Als Erstes nennen Experten die sozialen Dienstleistungen. Dazu gehören Pflege, Wohnungsreinigung, Essen auf Rädern oder Kinderbetreuung.

Im Bildungswesen besteht ebenfalls Bedarf: Von der Pflege von Schulhöfen über die Hausaufgabenbetreuung bis zur Einstellung von mehr Wissenschaftlern im akademischen Mittelbau. Auch die Infrastruktur in Deutschland muss verbessert werden. Dort könnten Tätigkeiten aller Art entstehen. Nicht nur für Fachkräfte und Akademiker. „Wir brauchen gesellschaftlich wertvolle, auch einfache Arbeit“, sagt Bontrup. „Das schafft auch gesellschaftlichen Zusammenhalt.“ Die Scham- und Schmachgefühle, die Verlustängste und damit der Boden, auf dem der Populismus gedeiht, würden bekämpft.

Damit das gelingt, schlagen Experten einerseits die Ausweitung des öffentlichen Sektors vor, wie das in den skandinavischen Ländern erfolgreich praktiziert wird. Andererseits setzen sie auf den sogenannten zweiten oder sozialen Arbeitsmarkt. Dort könnten mit staatlicher Hilfe Arbeitsplätze entstehen, die private Unternehmen normalerweise nicht anbieten würden. „Die Programme für öffentlich geförderte Beschäftigung, die wir derzeit haben, reichen nicht aus“, sagt der Chefökonom der Gewerkschaft Verdi, Dierk Hirschel. Ökonom Bontrup empfiehlt zudem, die Arbeitszeit zu verkürzen, um zusätzliche Stellen in privaten Firmen zu schaffen.

Am Willen der Arbeitslosen würden solche Vorhaben nicht scheitern. Im Gegensatz zum gängigen Vorurteil sind sie nämlich nicht bildungs- und arbeitsunwillig, lasterhaft oder gar verwahrlost. Vielmehr betonen Hartz-IV-Bezieher laut Studien bürgerliche Werte und ihren Willen, einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten. Im Vergleich zur übrigen Bevölkerung weisen sie „eine hohe Arbeitsmotivation und Konzessionsbereitschaft“ auf, wie aus einer IAB-Studie hervorgeht. Was die jetzt noch verbliebenen Arbeitslosen hingegen benötigen, ist maßgeschneiderte Hilfe. Die Zugangschancen von benachteiligten Gruppen zum Arbeitsmarkt müssen verbessert werden. Hier hat sich, wie der FRAX zeigt, zuletzt nichts verbessert.

Es braucht bessere Betreuung

„Dafür haben wir jetzt den idealen Zeitpunkt“, sagt Wissenschaftler Herzog-Stein. Mit der aktuell vergleichsweise niedrigen Arbeitslosigkeit sei nun endlich Zeit vorhanden, sich um die Menschen zu kümmern, die eine aufwendigere Betreuung benötigen. Er nennt zum Beispiel die fortbildungswillige Ehefrau, die sich um ihren kranken Mann kümmern und zugleich den Sohn großziehen muss. Diese Frau könne sich erst weiterbilden, wenn man sie gezielt entlaste.

Auch Gewerkschafter Hirschel betont, wie wichtig es sei, die arbeitslosen Menschen zu qualifizieren. Damit sie einen wertvollen Beitrag zur Gesellschaft leisten könnten, etwa im Bereich der sozialen Dienste, bräuchten sie die entsprechenden Fähigkeiten und Kenntnisse.

Die Betreuungsschlüssel bei den Arbeitsagenturen müssen dafür verbessert werden. Dort ist derzeit laut Auskunft der Bundesregierung eine Vermittlungskraft für mindestens 85 jüngere (unter 25 Jahre) oder 167 ältere Arbeitslose (über 25 Jahre) zuständig. Das liegt über den offiziellen Zielwerten. Die Berechnung klammert allerdings noch einiges aus, so dass die tatsächlichen Betreuungsverhältnisse sogar noch schlechter sein dürften.

Das alles kostet Geld. Daraus machen die Experten keinen Hehl. „Kurzfristig wird das teurer“, sagt Hirschel. „Aber mittel- und langfristig lohnt sich die Investition allemal.“ Ökonom Bontrup empfiehlt zur Finanzierung Steuererhöhungen für die besonders Begüterten. Damit werde das Geld der Spekulation an den Finanzmärkten entzogen und wieder sinnvoll eingesetzt. Das kurbele die Nachfrage an und schaffe zusätzliche, möglicherweise auch bessere Jobs. Denn die atyptische Beschäftigung ist weiterhin ein großes Problem. „Wir müssen jetzt auch über gute Arbeit reden“, sagt Wissenschaftler Herzog-Stein. „Der Ansatz, jeder Job ist gut, kann nicht der Endzustand sein.“

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