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FRAX Im Dienst zu heiklen Zeiten

Der Arbeitsmarkt gewinnt an Qualität, doch es bleiben viele Herausforderungen.

Bildnummer: 51717564 Datum: 06.12.2006 Copyright: imago/IP3press Mitarbeiter in beleuchteten Büros in Paris - PUBLICATIONxNOTxINxFRA, Gebäude, außen, Außenansicht , Personen; 2006, Paris, Nacht, nachts, Hochhaus, Hochhäuser, Fenster, beleuchtet, Fassade, Nachtarbeit; , quer, Kbdig, Totale, Froschperspektive, Perspektive, Bürogebäude, Frankreich, ,n

Mindestlohn, Werkverträge, Leiharbeit und die Digitalisierung der Arbeitswelt – Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) hat in ihrer Amtszeit viele Themen angepackt. Nun nimmt sie sich noch ein weiteres vor. Am Freitag kündigte sie an, noch im November Gesetzespläne für einen erleichterten Wechsel zwischen Teil- und Vollzeit vorlegen zu wollen. Wer in Teilzeit geht, soll damit einen Anspruch bekommen, wieder auf eine volle Stelle zurückzukehren. Längerfristig brauche es zudem eine deutliche Stärkung der Weiterbildung, sagte Nahles auf einem Kongress der Gewerkschaft IG Metall in Berlin. Die Gewerkschafter werden es gerne gehört haben. Die Qualität der Arbeit spielt für sie eine große Rolle. Unter dem Stichwort „Gute Arbeit“ kämpfen sie dafür.

Mehr Abend- und Nachtarbeit

Der aktuelle FR-Arbeitsmarktindex (FRAX) zeigt, dass sich einiges verbessert hat in den vergangenen Jahren. Zwar reicht das Barometer nur bis zum Jahr 2007 zurück, weil davor für bestimmte Indikatoren die Daten fehlen. Dafür dokumentiert der FRAX vierteljährlich umfassend, wie sich der Arbeitsmarkt entwickelt. Dabei geht es um mehr als möglichst viele Arbeitsplätze, sondern auch um die Arbeitsbedingungen, die Löhne oder die Ausbildung. Aktuell hat der FRAX mit 104,5 Punkten den höchsten Wert in einem zweiten Quartal erreicht, wie die neuen Ergebnisse des Darmstädter Wirtschaftsforschungsinstituts Wifor zeigen. 2007 lag der Wert bei 100 Punkten. Das zeigt, dass es tatsächlich Fortschritte gegeben hat, die für die deutschen Arbeitnehmer spürbar sind.

Gleichwohl wird den Arbeitsmarktpolitikern die Arbeit so schnell nicht ausgehen. Die Digitalisierung wird die Arbeitswelt stark verändern. Viel mehr Tätigkeiten können automatisiert werden. Die Aufgaben der Arbeitnehmer werden sich verändern, wie viel menschliche Arbeit in Zukunft noch benötigt wird, ist unklar. Zudem wird sich die Art und Weise, wie gearbeitet wird, wandeln. Viele Tätigkeiten können in jedem Winkel der Welt ausgeübt werden, vorausgesetzt, es gibt dort einen Internetanschluss. Das hat Einfluss auf die Konkurrenz der Arbeitnehmer, die Löhne, die Arbeitszeiten und vieles mehr.

Die IG Metall will sich mit dem Erreichten deshalb nicht zufriedengeben. Obwohl die Beschäftigung boome, seien noch immer 2,7 Millionen Menschen arbeitslos, kritisiert sie. „Einstellungen gibt es oft nur befristet oder in Leiharbeit. Viele hangeln sich von Job zu Job, schlecht bezahlt, ohne soziale Absicherung.“ Die Gewerkschaft erwartet deshalb eine gesetzliche Initiative, um die Tarifbindung zu stärken. Betriebsratsgründungen sollen erleichtert und sachgrundlose Befristungen von Arbeitsverträgen abgeschafft werden. Beschäftigte sollen bei der laufenden digitalen Transformation der Arbeitswelt besser unterstützt und die Arbeitszeit selbstbestimmter gestaltet werden können. Diese und viele weitere Forderungen will die IG Metall im heraufziehenden Bundestagswahlkampf platzieren.

Bestätigt sehen dürfte sich die Gewerkschaft durch Zahlen, die das Statistische Bundesamt kürzlich zur Qualität der Arbeit veröffentlicht hat. Demnach hat sich die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit von Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigten in den vergangenen 20 Jahren um eine halbe Stunde auf 40,5 respektive 19,3 Stunden erhöht. Der Anteil derjenigen, die lieber Vollzeit als Teilzeit gearbeitet hätten, ist seit dem Höchststand im Jahr 2004 zwar von 22,4 auf 12,9 Prozent gesunken. Gleichwohl würden mehr als sechs Millionen Menschen – Arbeitslose eingerechnet – gerne mehr arbeiten.

Das Arbeiten am Wochenende hat zugenommen. 26,5 Prozent haben im vergangenen Jahr am Samstag gearbeitet. Im Jahr 1992 waren es noch 21 Prozent gewesen. Der Anteil der Sonntagsarbeiter stieg von zehn auf 14 Prozent. Auch am Abend und in der Nacht arbeiten mehr Menschen. Der Anteil der Abendarbeiter ist von 15 (1992) auf 26 Prozent gestiegen. Bei den Nachtarbeitern gab es einen Anstieg von acht auf neun Prozent.

Für die Arbeitnehmer ungünstig entwickelt hat sich die Tarifbindung. Im Westen galten 1998 für 76 Prozent der Beschäftigten Tarifverträge, 2015 wurden noch 59 Prozent davon erfasst. Im Osten sank die Tarifbindung im gleichen Zeitraum von 63 auf 49 Prozent. Auch für die Berufsanfänger ist das Arbeitsleben unsicherer geworden. Der Anteil der Arbeitnehmer im Alter von 25 bis 34 Jahren mit einem befristeten Arbeitsvertrag ist seit 2006 von 16,6 auf 17,9 Prozent gestiegen.

Bei den Reallöhnen gibt es seit 2009 eine Wende. Nachdem die Arbeitnehmer – nach zwischenzeitlichem Anstieg – trotz insgesamt kräftigen Wirtschaftswachstums damals noch genauso viel verdient hatten wie 1993, zeigt der Trend seither deutlich nach oben. Dazu trug in jüngster Vergangenheit auch die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns bei, der eine Reaktion darauf war, dass Deutschland einen der größten Niedriglohnsektoren Europas hat.

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