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FRAX Arbeitnehmern sind 1,4 Billionen Euro entgangen

Studie: Unternehmen und Kapitaleigentümern fließen größere Teile des erwirtschafteten Wohlstands zu.

23.04.2018 13:38
Tarifverhandlungen
Ringen um Löhne: In den Tarifverhandlungen für den öffentlichen Dienst setzte sich Verdi besonders für Geringverdiener ein. Foto: rtr

Die Umverteilung in Deutschland hat in den vergangenen Jahren dazu geführt, dass den Arbeitnehmern Milliardensummen entgangen sind. Das zeigen Berechnungen des Wirtschaftswissenschaftlers Heinz-Josef Bontrup von der Westfälischen Hochschule. Demnach summieren sich die entgangenen Einnahmen seit der Jahrtausendwende auf 1,39 Billionen Euro. Das entspricht in etwa 40 Prozent der Wirtschaftsleistung des vergangenen Jahres. Pro Kopf der deutschen Bevölkerung, ob jung oder alt, sind es rund 16 800 Euro.

Für die Berechnung hat sich Bontrup angeschaut, wie sich die Verteilung des Volkseinkommens auf Kapitalgeber, Unternehmen und abhängig Beschäftigte seit dem Jahr 2000 verändert hat. Die Lohnquote sank demnach von 71,9 Prozent auf 63,6 Prozent im Jahr 2007. Von da an ging es wieder aufwärts, doch das Ursprungsniveau wurde nicht wieder erreicht. Im vergangenen Jahr lag die Lohnquote bei 68,5 Prozent. Bontrup hat nun berechnet, wie viel Geld die Beschäftigten zusätzlich gehabt hätten, wenn ihr Anteil am Volkseinkommen auf dem Niveau der Jahrtausendwende verharrt wäre.

Dass den Arbeitnehmern ein geringerer Teil des erwirtschafteten Wohlstands zugeflossen ist, liegt unter anderem an der in den 90er- und Anfang der 2000er-Jahre propagierten Lohnzurückhaltung, dank der die deutsche Wirtschaft als der damals „kranke Mann Europas“ genesen sollte. Außerdem wurde durch die Liberalisierung des Arbeitsmarktes die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer geschwächt. 

Es gibt auch Kritiker

Konservative Ökonomen halten beide Entwicklungen mit Blick auf den gegenwärtig glänzenden Zustand der heimischen Wirtschaft für erfolgreich, es gibt aber auch Kritiker. Der Ökonom Thomas von der Vring von der Hochschule Bremen zog 2007 in einer Studie für die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung das Fazit, „dass die Lohnzurückhaltung der vergangenen Jahre unter Beschäftigungsgesichtspunkten nichts gebracht hat“. Zwar sei die Bundesrepublik im Vergleich mit dem Ausland wettbewerbsfähiger geworden, was sich in den Exportüberschüssen zeigt, doch seien die Arbeitnehmer durch die Lohnzurückhaltung am Konsum gehindert worden, was die Binnennachfrage schwächte.

Negative Auswirkungen hatte die sinkende Lohnquote auch auf die Sozialversicherungen. Diese werden in Deutschland überwiegend aus Abgaben finanziert, für die wiederum die Löhne maßgeblich sind. So entgingen auch den Kranken- und Pflegekassen sowie der Renten- und Arbeitslosenversicherung Milliardenbeträge. 

Ebenfalls betroffen ist der Fiskus, denn auf Arbeitseinkommen werden höhere Steuersätze fällig als auf Kapitaleinkommen. Außerdem haben Arbeitnehmer in der Regel weniger Möglichkeiten zur Steuervermeidung als Unternehmen und Kapitalgeber, die in dieser Disziplin eine große Virtuosität entwickelt haben.

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