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FR-Arbeitsmarkt-Index FRAX Ein neuer Blick auf den Arbeitsmarkt

Die Frankfurter Rundschau und das Darmstädter Forschungsinstitut Wifor stellen den FR-ArbeitsmarktindeX vor. Denn der einfache Blick auf die Arbeitslosenzahlen genügt nicht, um den deutschen Arbeitsmarkt zu beurteilen.

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Die Zahl der Beschäftigten steigt. Viele der Beschäftigten sind allerdings in prekären Arbeitsverhältnissen. Foto: Andreas Arnold

Es sind kaum mehr als zwei Zahlen, die in Deutschland den Ausschlag geben, ob der Arbeitsmarkt in einer guten Verfassung ist oder nicht: die Arbeitslosigkeit und die Erwerbstätigkeit. Sinkt die eine und steigt die andere, sind Jubelmeldungen in der Regel nicht weit entfernt. Läuft es umgekehrt, kräuseln sich die Sorgenfalten auf der Stirn der Verantwortlichen. So einfach funktioniert Arbeitsmarktpolitik – angeblich.

Es gab eine Zeit, da war diese Herangehensweise gar nicht verkehrt. Wer einer Erwerbsarbeit nachging, tat das in der Regel als sozialversicherungspflichtig Beschäftigter, mit einem Einkommen, das zum Leben reichte, mit einer geregelten Arbeitszeit und sozialer Absicherung. Arbeit bedeutete gute Arbeit.

Doch noch bevor die Hartz-IV-Reformen über die deutschen Arbeitnehmer kamen, hatte sich das grundsätzlich geändert. Und seither erst recht. Minijobs, Teilzeitarbeit, Aufstocker und Löhne, die zum Leben nicht reichen, haben massiv zugenommen. Die Formen der Erwerbstätigkeit werden immer vielfältiger.

Die Umbrüche, die infolge der Digitalisierung der Wirtschaft dem Arbeitsmarkt noch bevorstehen, werden den Trend weiter verschärfen. Aus Sicht der Arbeitnehmer bedeuten sinkende Arbeitslosigkeit und steigende Erwerbstätigkeit heute und in Zukunft nicht mehr automatisch, dass sich der Arbeitsmarkt zum Guten entwickelt. Ein genauerer Blick ist nötig.

Die Frankfurter Rundschau hat deshalb gemeinsam mit dem Wirtschaftsforschungsinstitut Wifor den FR-Arbeitsmarktindex (Frax) entwickelt. Das Darmstädter Institut ist spezialisiert auf Forschung in den Bereichen Arbeitsmarkt und Gesundheitswirtschaft und zählt zu seinen Auftraggebern Bundes- und Landesministerien, große Unternehmen sowie Industrie- und Handelskammern.

Der nun erstmals veröffentlichte FR-Arbeitsmarktindex bewertet den Arbeitsmarkt in fünf Kategorien und mit Hilfe von 18 Indikatoren. Er analysiert die Beschäftigungsentwicklung, die Zugangschancen in den Arbeitsmarkt, die Ausbildungssituation, die Einkommensverteilung sowie die Arbeitsbedingungen. Das Besondere: Um die Kategorien und Indikatoren zu gewichten, haben in einer repräsentativen Umfrage mehr als 1500 Bundesbürger Auskunft darüber gegeben, was ihnen an unserer Arbeitswelt wichtig ist – und was ihnen nicht so viel bedeutet.

Im Ergebnis zeigt sich ein deutlich anderes Bild von der Entwicklung des Arbeitsmarktes, als das normalerweise der Fall ist. So sticht zwar die gute Beschäftigungsentwicklung ins Auge. Sie hat den Frax seit 2007 nach oben gezogen, was eine Verbesserung des Arbeitsmarktes anzeigt. Zugleich zeigt sich aber, dass das Arbeitsvolumen gar nicht so schnell steigt, wie man es angesichts der sinkenden Arbeitslosigkeit und der steigenden Erwerbstätigkeit annehmen könnte. „Die Erwerbstätigenzahl wuchs seit 2007 fast 3,5-mal so stark wie das Arbeitsvolumen“, sagt Wifor-Chef Dennis A. Ostwald. „Das heißt, die Arbeit verteilt sich auf mehr Köpfe.“

Mit einem Plus von 10,4 Punkten legte die Kategorie Beschäftigungsentwicklung dennoch mit Abstand am stärksten zu. Alle anderen Kategorien waren deutlich schwächer. Bei der Ausbildung gab es ein Plus von 3,1 Punkten, die Einkommensverteilung legte um 1,3 Punkte zu und die Arbeitsbedingungen um 2,6 Punkte.

Besonders schlecht entwickelten sich in den vergangenen sieben Jahren die Zugangschancen zum Arbeitsmarkt. Darin wird erfasst, wie die Chancen von Langzeitarbeitslosen sowie jüngeren und älteren Arbeitnehmern stehen, eine Stelle zu finden – und ob der Anteil der Frauen an allen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen steigt. Zwar gibt es hier erstaunliche Erfolge zu vermelden, die Lage der Arbeitslosen über 54 Jahre hat sich aber trotz des Beschäftigungsaufschwungs sogar verschlechtert.

Auch bei der Einkommensverteilung zeigt sich ein zwiespältiges Bild. „Der Frax gibt Hinweise auf eine zunehmende Lohnspreizung“, sagt Sandra Hofmann, Forschungsleiterin Arbeitsmarkt bei Wifor. Denn die durchschnittlichen Bruttoverdienste höher bezahlter Beschäftigter wachsen seit 2007 um etwa 50 Prozent schneller als die Löhne derjenigen Beschäftigten mit den niedrigsten Qualifikationsanforderungen. Auch die Zahl der Menschen, deren Lohn zum Leben nicht ausreicht, die also „aufstocken“ müssen, ist gestiegen. Die steigenden Reallöhne und der wieder etwas höhere Anteil der Arbeitnehmer am Volkseinkommen landen vor allem in den Geldbeuteln der Besserverdienenden.

Grund zur Zufriedenheit mit dem Arbeitsmarkt gibt es bei umfassender Betrachtung also noch nicht. Das hat auch Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) erkannt, die die gute Beschäftigungsentwicklung für Verbesserungen nutzen will. Sie sollte dabei nicht außer Acht lassen, Arbeit zu schaffen, die Menschen gerne erledigen. Zwar ist in den vergangenen Jahren der Anteil der Arbeitnehmer, die innerlich gekündigt haben, auf 15 Prozent gesunken, wie das Meinungsforschungsinstitut Gallup erhoben hat. Aber noch immer machen 70 Prozent Dienst nach Vorschrift.

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