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Arbeitsmarktindex FRAX Fachkräfte-Mangel: Wie die Lage wirklich ist

Die Wirtschaft wächst, die Zahl der Arbeitslosen sinkt. Firmen beklagen Personalengpässe. Doch wie dramatisch ist die Lage wirklich? Der FR-Arbeitsmarktindex FRAX beleuchtet die Situation.

30.07.2018 16:07
Angela Merkel besucht ein Pflegeheim
Oberste Pflegespezialistin? Zumindest ist bei Kanzlerin Angela Merkel angekommen, dass die Pflege dringend mehr Fachkräfte benötigt. Foto: afp

Ein Restaurant in Freiburg. Es geht ein paar Treppenstufen hinab zur Toilette. An der Wand ein Postkartenständer, wie man sie an solchen Orten öfter sieht. Zwischen den mehr oder weniger humorigen Karten eine, die das kürzeste Bewerbungsschreiben der Welt verspricht. Ein Metallbauer stellt sich vor. Interessiert an einem Job? Einfach Adresse eintragen, eine paar Boxen ankreuzen, fertig. Die Firma wird sich melden.

Die Rollen haben sich vielerorts verkehrt. Die Firmen werben jetzt um die Gunst der Fachkräfte, nicht mehr die Fachkräfte um die Gunst der Firmen. Der Fachkräftemangel ist bei den Arbeitgebern derzeit eines der bestimmenden Themen. 61 Prozent der Mittelständler bewerten laut einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages das Fehlen qualifizierter Mitarbeiter als Geschäftsrisiko. Das sind so viele wie nie seit Beginn der Erhebung vor acht Jahren. 

Die Arbeitskräftereserve ist geschrumpft. Der ungewöhnlich lange Konjunkturaufschwung hat viele Menschen in Arbeit gebracht. Der FR-Arbeitsmarktindex (FRAX) notiert auf einem Rekordhoch. Das Barometer, das den Arbeitsmarkt in seiner ganzen Breite erfasst – von der Zahl der Stellen über die Reallohnentwicklung bis zur Arbeitsplatzqualität – und damit einzigartig ist, erreicht in seiner jüngsten Ausgabe für die ersten drei Monate des laufenden Jahres 107,1 Punkte.

Es ist ein Rekordwert, und es ist das erste Mal, dass der Rekordwert zu Jahresbeginn erreicht wird, üblicherweise ein vergleichsweise schwacher Zeitraum für den Arbeitsmarkt.
Getrieben wird das Barometer vom weiteren Stellenaufbau, einem größeren Arbeitsvolumen, dem Abbau der Arbeitslosigkeit sowie dem Vormarsch der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung zulasten der geringfügigen. Außerdem verbesserten sich auch die Arbeitszufriedenheit und der Ausbildungsmarkt.

Gleichwohl ist es noch nicht so, dass der Markt für Fachkräfte leergefegt wäre. Das zeigt die jüngste Engpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit. Darin heißt es zwar, dass es in manchen Branchen und Regionen einen Mangel an Fachkräften gibt, doch die Nürnberger Behörde stellt auch klar: „Von einem generellen Fachkräftemangel in Deutschland kann weiterhin nicht gesprochen werden.“

Einen bundesweiten Fachkräftemangel gibt es der Analyse zufolge in der Altenpflege, im Klempnereigewerbe, in der Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik sowie in der Energietechnik. Generell ist die Lage in einzelnen technischen Berufsfeldern, in Bauberufen sowie im Gesundheits- und Pflegebereich angespannt. In diesen Bereichen bleiben ausgeschriebene Stellen besonders lange unbesetzt.

Während im bundesweiten Durchschnitt aller Berufe eine Stelle 107 Tage offen bleibt – auch das ein Anstieg um sieben Tage binnen Jahresfrist – sind es bei Berufen mit Fachkräftemangel weit mehr. Die Liste führen Klempnereigewerbe, Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik mit 183 Tagen an, gefolgt von der Altenpflege mit 175 Tagen.

Aus regionaler Sicht sind die Bundesländer von Mangel ganz unterschiedlich betroffen. So reicht die Liste der Berufsgruppen, die in Baden-Württemberg knapp sind, vom Luft- und Raumfahrttechniker über Experten für Mechatronik, Fachkräfte für Holzverarbeitung, spezialisierte Maler, Stuckateure und Bautenschützer bis hin zu Lebensmittelverkäufern. Auch in Bayern, Sachsen und Thüringen ist die Liste lang. In Nordrhein-Westfalen, Hessen und Berlin zeigen sich hingegen neben den für das gesamte Land identifizierten Knappheiten keine bundeslandspezifischen Defizite an Fachkräften und Spezialisten.

Angesichts der wieder verbreiteten Klage über fehlende Fachkräfte tritt schon fast in den Hintergrund, dass es hierzulande trotz des langen Aufschwungs immer noch eine erhebliche Zahl an Arbeitslosen gibt. Im Juni waren 2,3 Millionen Menschen arbeitslos, davon ein Drittel langzeitarbeitslos. Die Unterbeschäftigung belief sich auf 3,2 Millionen Menschen. In dieser Zahl sind auch all diejenigen enthalten, die dem Arbeitsmarkt kurzfristig nicht zur Verfügung stehen, weil sie krank oder zeitweise arbeitsunfähig sind oder an Programmen der Arbeitsagenturen teilnehmen, wie etwa Fort- und Weiterbildung. Darüberhinaus gibt es noch viele Menschen, die älter als 59 Jahre sind und länger als ein Jahr vergeblich nach einer Stelle gesucht haben. Sie werden seit einer Gesetzesänderung vor einigen Jahren nicht mehr in der Statistik der Bundesagentur für Arbeit erfasst. 

Eine Annäherung an den tatsächlichen Bedarf an Erwerbsarbeit erlauben Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Demnach wollten im vergangenen Jahr 5,1 Millionen Menschen gerne mehr oder überhaupt arbeiten. Der Ökonom Heinz-Josef Bontrup von der Westfälischen Hochschule spricht auf Basis seiner eigenen Berechnung sogar von 7,5 Millionen Arbeitslosen.
„In diesem Reservoir liegt großes Potenzial“, sagt Arbeitsmarktforscher Alexander Herzog-Stein vom gewerkschaftsnahen Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung. Natürlich sei nicht jeder darin eine Fachkraft, doch ein Teil schon. Und auch die anderen Menschen seien für Firmen interessant. Dazu müssten sie aber vorhandene Beschäftigte für höhere Aufgaben qualifizieren und frei werdende einfachere Tätigkeiten aus dem Pool nachbesetzen. Außerdem müssten die Arbeitgeber ihre Erwartungen anpassen und zum Beispiel auch dem 55-jährigen Ingenieur mal eine Chance geben.

Potenzial liegt auch in der Ausbildung. Zwar verbessert sich das Verhältnis von Angebot und Nachfrage auf dem Lehrstellenmarkt ständig. Rechnerisch kamen 2018 bundesweit auf 100 Ausbildungssuchende fast 105 Ausbildungsangebote. Doch insgesamt wird weiterhin viel zu wenig ausgebildet. Im vergangenen Jahr wurden 523.000 Lehrverträge unterzeichnet, das waren fast 100.000 weniger als zur Jahrtausendwende. Gleichzeitig ging der Ausbildungswunsch von 80.000 jungen Menschen nicht in Erfüllung, weil ihre Berufswünsche und Qualifikationen nicht mit den Angeboten und Erwartungen der Arbeitgeber in ihrer Region übereinstimmten.

In diese Kerbe schlägt auch Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD). Er will den Personalengpässen mit drei Schritten entgegentreten, wie er vergangene Woche dem „Handelsblatt“ sagte: Erstens will er „die Berufsorientierung in den Schulen verbessern, die duale Ausbildung stärken und Beschäftigte weiterbilden“. Dann müssten die Arbeitsbedingungen in den Mangelberufen verbessert werden, vor allem in der Altenpflege. Und schließlich will er ein Gesetz zur Rekrutierung von ausländischen Fachkräften vorlegen.
 

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