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Arbeitsmarkt Jubeln oder nicht jubeln?

Vom Arbeitsmarkt erreicht uns derzeit eine positive Nachricht nach der anderen. Doch wie gut läuft es historisch gesehen tatsächlich?

28.01.2018 15:18
Lehrlinge in einem Ausbildungsbetrieb
Am Lehrstellenmarkt hat sich die Lage nur leicht verbessert. Foto: epd

Andere Wissenschaftler, wie etwa Karl Brenke, Arbeitsmarktexperte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, teilen die Ansicht, dass „die Arbeitslosenstatistik nicht das ganze Ausmaß der Unterbeschäftigung anzeigt“. Doch nicht jeder Unterbeschäftigte könne tatsächlich als arbeitslos betrachtet werden. „Beispielsweise der Flüchtling, der seine Qualifikation in Kursen anpassen muss, weil der sonst kaum eine Chance auf einen Job haben wird.“ Klar sei aber, dass Arbeitslosigkeit tatsächlich auch einfach versteckt werde. „So werden faktisch Arbeitslose ab 59 Jahren, die kein Jobangebot von einer Arbeitsagentur erhalten haben, einfach nicht mehr als Arbeitslose gezählt“, so Brenke. „Wie viele das sind, weiß man nicht - früher gab es über diese Personen noch Zahlen, inzwischen nicht mehr.“ Überdies wisse man, dass manch ein arbeitsloser Jugendlicher sich erst gar nicht bei den Arbeitsagenturen melde, weil er keine Leistungsansprüche habe und weil er sich auch keine Vermittlung in einen Job erwarte. Die Zahl von 7,5 Millionen Unterbeschäftigten hält Brenke allerdings für zu hoch gegriffen. Insgesamt sei die Statistik heute ehrlicher als früher. „Was heute nicht als arbeitslos gezählt wird, ist viel weniger als bis zu der Zeit der Hartz-Reformen. Man denke nur an den massiven Einsatz von ABM und Weiterbildung insbesondere im Osten – sowie an exzessive Frühverrentungen.“

Um die statistischen Tücken des Sozialgesetzbuchs zu umgehen, schlägt der Arbeitsmarktexperte des gewerkschaftsnahen Wirtschaftsforschungsinstituts IMK, Alexander Herzog-Stein, vor, auf die vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten Erwerbslosenquoten zu schauen. Diese Quoten werden nach einer Definition der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) erhoben und sind im zeitlichen Verlauf konsistent. Demnach belief sich die Erwerbslosenquote 2017 auf noch 3,7 Prozent, während sie 1991 bei 5,3 und 2005 sogar bei 10,3 Prozent lag. Selbst wenn dadurch nicht die gesamte Unterbeschäftigung erfasst werde, so zeige sich doch, dass sich die Arbeitsmarktsituation rein quantitativ in den vergangenen Jahren merklich verbessert hat.

„Um dieses Bild zu vervollständigen, muss aber auch hinzugefügt werden, dass zwischen 1991 und 2017 die Zahl und der Anteil der Niedriglohnbeschäftigten sehr stark zugenommen haben“, so Herzog-Stein. Das Gleiche gelte für Leiharbeit und befristete Beschäftigung. „Die Zahl der Langzeitarbeitslosen und Personen, die nicht dauerhaft den Sprung aus der Arbeitslosigkeit schaffen, ist nach wie vor zu hoch“, kritisiert er. Ebenso gebe es immer noch zu viele Menschen in Deutschland – insbesondere sehr viele Frauen –, die nur ausschließlich geringfügig entlohnt beschäftigt seien und aufgrund ihres geringen Stundenvolumens und häufig auch ihrer niedrigen Stundenlöhne nur unzureichend in den Arbeitsmarkt integriert und eigenständig über die sozialen Sicherungssysteme abgesichert seien. Diesen Defiziten entgegenzutreten, dafür biete sich jetzt die Chance.

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