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Arbeitsmarkt Jubeln oder nicht jubeln?

Vom Arbeitsmarkt erreicht uns derzeit eine positive Nachricht nach der anderen. Doch wie gut läuft es historisch gesehen tatsächlich?

28.01.2018 15:18
Lehrlinge in einem Ausbildungsbetrieb
Am Lehrstellenmarkt hat sich die Lage nur leicht verbessert. Foto: epd

Holger Schäfer, Arbeitsmarktexperte am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln, stimmt zwar der Analyse zu, dass Arbeitslosigkeit und Arbeitsvolumen heute ungefähr auf dem Niveau von 1991 liegen, widerspricht Bontrup aber dennoch deutlich. „Es ist eine grobe Fehlinterpretation, die Existenz einer ‚chronischen Massenarbeitslosigkeit‘ seit ‚Mitte der 1970er Jahre‘ zu postulieren“, findet Schäfer mit Blick auf die Entwicklung in Westdeutschland: „1975 waren rund eine Million Arbeitslose registriert. Deren Zahl stieg im bekannten Stufenmuster mit jeder Rezession bis auf über drei Millionen im Jahr 2005, um seither bis 2017 auf 1,9 Millionen zu fallen. Der Verlauf der Arbeitslosigkeit hat sich seit 2005 völlig anders entwickelt als zuvor.“

In den 1990er Jahren seien viele Arbeitsplätze im Zuge der Transformationskrise in den neuen Ländern – die als singuläres Ereignis kaum auf zukünftige Entwicklungen übertragen werden kann – und der anschließenden gesamtdeutschen Strukturkrise verloren gegangen. „Die Arbeitslosigkeit stieg und das Arbeitsvolumen sank“, analysiert Schäfer. Seit 2005 verlaufe die Entwicklung entgegengesetzt. So ist das Arbeitsvolumen von 2005 bis 2016 um fast vier auf 59,29 Milliarden Stunden gestiegen. Der Subtext in Schäfers Ausführungen: Die Entwicklung ist ein Erfolg, auch wenn damit erst knapp wettgemacht wurde, was in den 1990er Jahren verloren ging.

Bontrup hingegen besteht nicht nur darauf, dass es eben seit Jahrzehnten Millionen Arbeitslose in Deutschland gibt, sondern dass die Zahl der Arbeitslosen tatsächlich auch deutlich höher sei, als in der offiziellen Arbeitslosenquote angegeben. Millionen Arbeitslose würden „statistisch schlicht wegdefiniert“, kritisiert der Ökonom. Das legt auch eine Recherche des ZDF nahe, wonach die Berechnungsmethode seit 1986 insgesamt 17-mal geändert wurde und die Zahl der Arbeitslosen danach fast immer niedriger war.

Im Dezember wies die Statistik 2,39 Millionen Arbeitslose aus. Darin nicht enthalten sind etwa diejenigen Arbeitslosen, die wegen Krankheit oder Fortbildung den Unternehmen kurzfristig nicht zur Verfügung stehen. Zählt man sie hinzu, kommt man auf 3,38 Millionen. Diese Zahl wird von der Bundesagentur für Arbeit unter dem Stichwort „Unterbeschäftigung“ durchaus prominent ausgewiesen, schafft es aber nur selten in die mediale Berichterstattung und öffentliche Debatte. Bontrup rechnet zur Unterbeschäftigung zudem die Menschen hinzu, die zwar Arbeit haben, aber gerne Vollzeit arbeiten würden, sowie diejenigen, die es wegen Aussichtslosigkeit aufgegeben haben, nach Arbeit zu suchen. „Dann sind es rund 7,5 Millionen Arbeitslose in Deutschland“, so Bontrup. „Und die Arbeitslosenquote liegt nicht bei 5,7, sondern realiter bei gut 15 Prozent.“

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