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Arbeitsmarkt Gefangen in der Arbeitslosigkeit

Der Arbeitsmarkt entwickelt sich positiv, doch nicht alle profitieren. Die Arbeitslosigkeit von Berufseinsteigern und Älteren ist langsamer gesunken als die Arbeitslosigkeit insgesamt.

24.07.2016 16:38
Menschen, die lange ohne Job sind und Hartz IV beziehen, lägen ganz gern in der „sozialen“ Hängematte, wird immer wieder kolportiert. An den Traumstrand führt Langzeitarbeitslosigkeit allerdings eher selten. Foto: imago

Die Sonne scheint, die Hitze liegt über dem Land und die Bundesbürger sind in Urlaub. Sogar die Arbeitsagentur gibt auf ihrer Website Tipps für die schönste Zeit des Jahres: Wer verreisen will und arbeitslos ist, darf das für maximal drei Wochen im Jahr tun, und nur nach Genehmigung, ansonsten werden die Bezüge gestrichen. Das ist die Realität all jener, die trotz des Aufschwungs bisher keinen Job ergattern konnten. Denn am Arbeitsmarkt gibt es weiterhin Defizite.

Das zeigen neue Daten des FR-Arbeitsmarktindex (FRAX), der neben der reinen Beschäftigung auch Faktoren wie die Lohnentwicklung, die Ausbildungssituation, die Arbeitsbedingungen und die Chancen von benachteiligten Gruppen auf einen Arbeitsplatz erfasst. Zwar ist das Barometer zum Jahresanfang auf den höchsten Stand in einem ersten Quartal gestiegen. Das bedeutet, dass der Arbeitsmarkt insbesondere dank guter Entwicklung von Beschäftigung, Einkommen und Arbeitsbedingungen so gut läuft wie nie seit Beginn der Berechnungen im Jahr 2007. Doch es gibt eben immer noch Schattenseiten.

„Der Arbeitsmarkt befindet sich im stabilen Aufschwung – an dem jedoch nicht alle partizipieren“, so Dennis A. Ostwald, Chef des Darmstädter Wirtschaftsforschungsinstituts Wifor, das den FRAX erstellt. „Zukünftig sollte gerade die Verbesserung der Zugangschancen von Jüngeren und Älteren in den Fokus rücken.“

Die Arbeitslosigkeit von Berufseinsteigern und Älteren ist zum Jahresanfang langsamer gesunken als die Arbeitslosigkeit insgesamt. Die Zahl der Langzeitarbeitslosen hat auf Jahressicht sogar zugenommen – um 28 000 auf 1,044 Millionen. Damit setzt sich der seit Anfang 2010 bestehende Trend fort, dass sich die Lage dieser Gruppe schleichend verschlechtert. Für die Betroffenen eine schwierige Situation.

Der Bezug von Hartz IV werde in „nicht geringen Teilen der Öffentlichkeit als Ausdruck individueller Defizite der Leistungsbeziehenden gesehen“, so der Soziologe Andreas Hirseland, der im Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit forscht. Sowohl in politischen Debatten als auch im medialen Diskurs verankert sei „die Figur des typischen ‚Hartzers‘ als Antipode bürgerlicher Tugenden und Lebensführung: bildungsunwillig, arbeitsunwillig, lasterhaft, verwahrlost und ohne Interesse daran, seine Transferleistungsabhängigkeit aus eigenem Antrieb zu überwinden“.

Hirseland hat gemeinsam mit Kollegen vom IAB und weiteren Wissenschaftlern aktuell eine kritische Bilanz der Hartz-Reformen vorgelegt, die unter dem Titel „Krisenerfahrung Hartz IV“ beim Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung erschienen ist. Darin widersprechen die Autoren dem Klischee, dass es sich Hartz-IV-Bezieher zulasten der Gesellschaft bequem machen würden und man sie deshalb nur durch eine aktivierende Arbeitsmarktpolitik in Bewegung bringen müsse.

Schon in seiner früheren Forschung war das IAB zu dem Ergebnis gekommen, dass Hartz-IV-Bezieher im Vergleich zur übrigen Bevölkerung „eine hohe Arbeitsmotivation und Konzessionsbereitschaft“ aufweisen. Jedoch seien sowohl die gesellschaftlichen Umstände als auch die Förderinstrumente unzureichend, um die Arbeitslosigkeit zu überwinden. Der Vielfalt der Lebenslagen Arbeitsloser könne mit „standardisierten Förderinstrumenten kaum sinnvoll“ begegnet werden. „Stattdessen sind differenzierte, an der spezifischen Lage des einzelnen Leistungsberechtigten orientierte Maßnahmen erforderlich.“

Markus Promberger, Leiter des IAB-Forschungsbereichs Erwerbslosigkeit kritisiert, es scheine so, als ob der aktivierungspolitische Ansatz von Hartz IV „Armutsphänomene keineswegs im beabsichtigten Maße beendet, sondern vielmehr das Verhältnis von Armut und Erwerbsarbeit neu justiert hat“. Es sehe danach aus, dass die deutsche Arbeitsgesellschaft und ihr Sozialstaat dazu übergegangen seien, „die strukturell fortdauernde Arbeitslosigkeit der 1970er und 1980er Jahre in großem Umfang durch unsichere Beschäftigung zu ersetzen“. An dieser Entwicklung habe der Bedeutungsgewinn der aktivierenden Arbeitsmarktpolitik wohl einen gewissen Anteil.

Arbeitslosigkeit ist für die Betroffenen mit vielen Belastungen verbunden. So sind sie nachweislich häufiger krank als Arbeitende. Und auch die finanziellen Umstände sind schwierig. Wie IAB-Forscher Bernhard Christoph nachweist, reicht die Grundsicherung zwar zur Deckung lebensnotwendiger Grundbedarfe – also Ernährung, Wohnung und Bekleidung. Bei allen darüberhinaus gehenden Bedürfnissen sind die Betroffenen jedoch „zum Teil deutlichen Einschränkungen unterworfen, was in besonderem Maße für die soziale und kulturelle Teilhabe (...) gilt“. Diese Analyse ist brisant, weil laut Sozialgesetzbuch den Grundsicherungsbeziehern auch „in vertretbarem Umfang“ eine „Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben in der Gemeinschaft“ ermöglicht werden muss.

„Hartz IV ist unterste Stufe“, sagte denn auch eine von den Forschern befragte Frau. Eine andere meinte, man gelte als „Mensch zweiter oder dritter Klasse“. Dabei verorten sich die meisten Hartz-IV-Bezieher selbst in der Mitte der Gesellschaft, zwar nicht gemessen am Geld, aber in Bezug auf die Werte. Sie betonen laut den Forschern ihre Arbeits- und Leistungsorientierung, die ordentliche Lebensführung, familiäre Stabilität und das Bemühen, Haltung zu bewahren. „Dies ist Ausdruck eines vorhandenen Willens, einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten – wenn man nur könnte“, so Forscher Hirseland. „Einerseits fühlen sie sich meritokratischen leistungsgesellschaftlichen Werten und Zielen verpflichtet, andererseits bleibt es ihnen aufgrund der für sie ungünstigen Arbeitsmarktstrukturen vielfach verwehrt, diesen Werten durch Teilhabe am Erwerbsleben auch lebenspraktisch entsprechen zu können.“

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