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Arbeitsmarkt Gefangen im „System Hartz IV“

Er gehört nicht zu den Gewinnern des Aufschwungs: Seit 14 Jahren findet Alexander Harsch keinen Job. Was macht die Arbeitsagentur?

31.10.2018 13:28
Alexander Harsch.
Der Jobsuchende: „Ohne meinen Anwalt wäre ich verloren“, sagt Alexander Harsch. Foto: Bolte Design

Alexander Harsch sitzt in seinem Stammcafé und zählt auf, wo er schon überall gewesen ist: Griechenland, Frankreich, Spanien. Auch nach Südostasien ist er gereist, nach Kambodscha. Seine letzte Reise ist allerdings schon lange her. Vor 15 Jahren war das, es ging in die Normandie. Seitdem ist er nirgendwo mehr hingefahren.

Alexander Harsch, 50 Jahre alt, wohnhaft im pfälzischen Frankenthal, ist seit 14 Jahren arbeitslos. Wie viele Bewerbungen er seitdem geschrieben hat, weiß er nicht. Irgendwann hat er aufgehört zu zählen. Die Stellenangebote sucht er sich selbst aus, denn das Jobcenter, glaubt Harsch, kann ihm nicht helfen. Seiner Meinung nach werden dort bloß Fälle abgearbeitet, keine Menschen betreut. Mittlerweile führt er sogar einen Rechtsstreit mit der Behörde. Es geht unter anderem um die Frage, ob die ihm angebotenen Helfertätigkeiten ihm zuzumuten sind. Ausgang ungewiss. An das „System Hartz IV“, wie er sagt, glaubt er längst nicht mehr.

Dabei hatte alles so vielversprechend angefangen. 1975 war Harsch mit seiner Familie als Spätaussiedler aus Kasachstan nach Ludwigshafen gekommen. In der Grundschule hatte er zunächst Probleme mit der neuen Sprache, lebte sich aber ein und schaffte es sogar aufs Gymnasium. Nach der neunten Klasse ging er ab, machte auf einer Handelsschule die mittlere Reife und begann danach eine Ausbildung zum Buchhändler.

Später holte er sein Abitur nach und begann in Frankfurt zu studieren: Ethnologie, Südostasienwissenschaften, Amerikanistik. „Für andere Völker und Kulturen habe ich mich schon immer interessiert“, sagt Harsch. Besonders die indigenen Stämme in Nordamerika hatten es ihm angetan, seine Magisterarbeit schrieb er über die Darstellung der Apachen in Film und Fernsehen. Dann kam das Ende des Studiums – und der Beginn der Arbeitslosigkeit. Das war 2004 und Alexander Harsch gerade einmal 36 Jahre alt. Eigentlich war es sein Plan gewesen, nach dem Studium in einem Museum zu arbeiten, auch einen Job in einer Bibliothek hätte er sich vorstellen können. Er schrieb mehr als 100 Bewerbungen, ohne Erfolg. Schließlich blieb ihm nichts anderes übrig als sich arbeitslos zu melden. Das ist er bis heute.

Die meisten Weiterbildungen sind eher sinnlos

Damit Langzeitarbeitslose wie Alexander Harsch wieder einen Job finden, bietet die Bundesagentur für Arbeit verschiedene Möglichkeiten zur Weiterbildung und Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt an. Mit den meisten Fördermaßnahmen, die das Jobcenter ihm bislang empfohlen hat, konnte Harsch jedoch nichts anfangen. Vor einigen Jahren hat er in Norddeich eine Weiterbildung zum Fachreferenten für Kulturtourismus und Kulturmanagement und in diesem Zusammenhang ein Praktikum in der Touristinformation im Ort gemacht. Es lief gut, die Arbeit machte ihm Spaß. Doch einen Job hatten sie dort nicht für ihn.

Die meisten Weiterbildungen seien aber sinnlos gewesen, sagt Harsch. Mal habe er zusammen mit Hauptschülern recherchieren sollen, wie man Bewerbungen schreibt, mal in einem Deutschkurs gesessen. „Und das, obwohl ich während meines Studiums als Deutschlehrer beim Internationalen Bund gearbeitet habe.“ Anfang des Jahres hat Alexander Harsch sich deswegen selbst eine Fortbildung ausgesucht: einen Kurs in Mannheim, drei Monate, in dem er seine Computerkenntnisse auffrischen wollte. Für ihn ergab das Sinn, für seine Beraterin offenbar nicht. „Die hat das abgelehnt und mir stattdessen eine zweijährige Ausbildung zum Fachinformatiker an der FH in Ludwigshafen vorgeschlagen.“ Für Harsch ist die Sache klar: „Mit diesen ganzen unnötigen Maßnahmen wollen die einen aus der Arbeitslosenstatistik raushaben. Ob man einen Job bekommt oder nicht, ist egal.“

Diesen Vorwurf weist die Bundesagentur für Arbeit zurück. Eine Sprecherin teilte der FR auf Nachfrage mit, dass „Arbeitslose, die sich aktuell zum Beispiel in einer Bildungsmaßnahme befinden, gar nicht als Arbeitslose zählen dürfen“, und verwies auf einen entsprechenden Passus im Sozialgesetzbuch III. Um die Arbeitslosenzahlen transparenter zu gestalten, würde aber zeitgleich mit der Arbeitslosenstatistik auch die Zahl der Unterbeschäftigten veröffentlicht. Dazu zählten unter anderen Menschen, die in Bildungsmaßnahmen seien.

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