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Arbeitsmarkt Die Misere in der Ausbildung

1,2 Millionen junge Menschen in Deutschland haben keinen Beruf erlernt. Immer weniger beginnen eine Lehre. Was tun?

02.05.2017 13:01
ABB Ausbildungszentrum in Berlin
Lehrlinge in einer Ausbildungswerkstatt für Mechaniker im ABB Ausbildungszentrum in Berlin. Foto: dpa

Dennis weiß noch nicht genau, was er nach der Schule machen will. Wahrscheinlich studieren, sagt der Neuntklässler. Mitschülerin Forough denkt über eine Lehre zur Bankkauffrau nach. Auf einer Berufsbildungsmesse in Frankfurt informieren sie sich bei Firmen oder Hochschulen über ihre Möglichkeiten. Am Stand der Dachdeckerinnung erzählen ihnen die Handwerker von ihrem Beruf. "Das wäre nichts für mich", sagt Forough. Mit einem Studium habe man einfach viel mehr Möglichkeiten, findet Dennis.

Die Dachdeckerinnung Frankfurt kennt solche Aussagen. "Wir haben viele unbesetzte Stellen", sagt Jörg Bigalke. Viele Jugendliche suchten wohl etwas Leichteres. Die Arbeit sei eben sehr körperbetont, man habe meist dreckige Hände und sei dem Wetter ausgesetzt. Das schrecke viele ab. "Dabei ist das Lehrlings- und Einstiegsgehalt gar nicht schlecht." Um den Schülern den Beruf näherzubringen, besuchten sie darum Messen wie diese und planten auch in Schulen wieder präsenter zu sein.

Das Problem der Dachdecker ist kein Einzelfall. Immer mehr Ausbildungsstellen bleiben in Deutschland unbesetzt, rund 43 500 waren es vergangenes Jahr, 25 900 mehr als im Jahr 2009. Zugleich fällt die Zahl der Lehrlinge, die eine Ausbildung beginnen, von Rekordtief auf Rekordtief. 520 000 Ausbildungsverträge wurden im vergangenen Jahr unterzeichnet, fast 50 000 weniger als noch 2011. Gründe sind nach Einschätzung der Statistiker der Trend zum Studium und die geringere Zahl von Menschen in der Altersgruppe, die für eine Ausbildung infrage kommt.

Wenn man die unbesetzten Ausbildungsstellen betrachtet, wird schnell deutlich, dass es erhebliche Unterschiede zwischen Wirtschaftszweigen, Regionen und Berufen gibt. Besonders kleine und Kleinstunternehmen geben an, mehr Schwierigkeiten zu haben, ihre Stellen zu besetzen. Der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, Achim Dercks, warnt: "Fachkräftemangel wird immer mehr zum Geschäftsrisiko für die Betriebe - und es fehlen dann vor allem Fachkräfte mit dualer Ausbildung in technischen Berufen."

Gleichzeitig ist aber auch die Zahl der Jugendlichen, die keinen Ausbildungsplatz gefunden haben, gestiegen. "1,22 Millionen junge Menschen im Alter zwischen 20 und 29 Jahren haben laut Berufsbildungsbericht 2017 keine abgeschlossene Ausbildung", sagt Matthias Anbuhl, Bildungsexperte des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB). Das sind knapp 13 Prozent dieser Altersgruppe. Unter dem Strich blieben pro Jahrgang mehr als 120 000 Jugendliche ohne Ausbildung. Ihnen drohe ein Leben in Langzeitarbeitslosigkeit oder prekärer Beschäftigung. "Diese Entwicklung lässt gesellschaftliche Spannungen steigen."

Ein Teil der Bewerber und Firmen scheinen also nicht zusammenzufinden: ein Passungsproblem. Das lässt sich zum einen regional begründen: Während sich in westlichen Ballungsgebieten viele Schulabgänger auf eine Stelle bewerben, finden Betriebe im Osten, aber auch in ländlichen Gebieten im Süden keine Azubis. Hinzu kommt, dass einige Firmen keine Hauptschüler einstellen und Jugendliche gewisse Branchen kaum mehr wählen.

Es muss also einiges getan werden. Was versuchen die Unternehmen selbst? "Mehr und mehr stellen sich Ausbildungsbetriebe auf leistungsschwächere Bewerber ein", sagt Dercks. So würden inzwischen 75 Prozent der Hauptschüler eine Ausbildung beginnen - ein deutlich höherer Anteil als noch vor einigen Jahren.

"Rund zwei Drittel der Betriebe stellen keine Jugendlichen mit Hauptschulabschluss ein", sagt hingegen Anbuhl. Selbst die Branchen nicht, die besonders unterbesetzt seien wie das Hotelgewerbe, die Gastronomie oder das Lebensmittelhandwerk. Dass diese weniger Bewerber finden, liege vor allem an dem schlechten Image dieser Berufsbilder: rauer Umgangston und lange Arbeitszeiten. "Gerade die Gastronomie- und Hotelkammern müssen vernünftig ausbilden und dürfen ihre Azubis nicht als billige Arbeitskräfte behandeln", fordert er.

Einige Betriebe seien bereit, etwas zu tun und engagierten sich, sagt Holger Seibert vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Andere entschlössen sich, lieber nicht mehr auszubilden, und suchen sich ihre Arbeitskräfte auf dem Markt. Viele Kleinfirmen hätten zudem nicht die Kapazitäten, ihren Lehrlingen noch Nachhilfe zu geben. In der Regel hätten es hier große Unternehmen leichter, die oft externe Firmen für die Azubi-Akquise beauftragten, erklärt Seibert. "Betriebe müssen sich rechtzeitig um ihre Auszubildenden kümmern, auf Schulen zugehen, Praktika anbieten und darüber Nachwuchs gewinnen."

Auf der Berufsbildungsmesse werben am Stand der Handwerkskammer (HWK) Frankfurt die Friseur-, Schornsteinfeger- und Bäckerinnung um die jungen Leute. "Das Interesse an Handwerksberufen geht bundesweit etwas zurück", sagt Fredy Dorr, Koordinator für Schule und Handwerk. Um freie Lehrstellen zu besetzen, frage die HWK jedes Jahr die Firmen an, unbesetzte Stellen zu melden. Dieses Jahr sind es in der Region rund 1000. "Außerdem unterstützen wir Schulen bei der Berufsberatung, geben Workshops und halten Vorträge", erzählt Dorr. In dem Berufsorientierungsprogramm Bob lernten Schüler etwa in 14 Tagen fünf Berufsfelder kennen, das sei eine tolle Sache.

Entscheidend für die Betriebe sei auch eine gute Zusammenarbeit mit den Schulen, sagt Alfred Will, stellvertretende Leiter für den Bereich Bildung bei der HWK. "In den vergangenen Jahren ist da viel passiert." Die Berufsorientierung könne trotzdem noch weiter ausgebaut werden.

Ferner müsse möglichst verhindert werden, dass die Ausbildung abgebrochen werde, etwa indem sich Schüler durch ein Praktikum im Vorhinein über den Job informieren. Zudem gebe es immer mehr Programme, die Studienabbrecher und Unternehmen zusammenbringen, wie etwa Yourpush. Die Berater des Yourpush-Teams informieren Studierende über Ausbildungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten im Handwerk. Gleichzeitig können sich Handwerksbetriebe an das Team wenden, wenn sie geeignete Bewerber für freie Lehrstellen suchen. In einigen Projekten sollen auch Flüchtlinge für eine Ausbildung fit gemacht werden.

Ein weiteres Programm ist die sogenannte assistierte Ausbildung. "Damit wollen Politik, Gewerkschaften und Arbeitgeber die Hilfe für Betriebe und Jugendliche deutlich ausbauen", so DGB-Experte Anbuhl. Dieses noch junge Instrument unterstütze die Firmen bei der Auswahl der Jugendlichen und beim Erstellen des betrieblichen Ausbildungsplans, und die Jugendlichen, wenn sie zusätzliche Förderung - wie etwa Sprachunterricht - brauchen. "Die Hilfe muss noch weiter ausgebaut werden und schneller zu bekommen sein." Das Programm setze aber gut an der Schnittstelle an, sagt Anbuhl. Er schlägt vor, dass die Bundesregierung es nachbessert und dann entfristet.

Unternehmen müssen also einiges tun, aber auch die Jugendlichen selbst sind gefordert. "Wichtig ist, dass sich jeder Bewerber ein realistisches Bild von den eigenen Fähigkeiten sowie den vorhandenen Ausbildungsangeboten macht", sagt Dercks. Wer den Wunschberuf nicht in der Heimatregion finde, solle verwandte Berufe in Betracht ziehen oder aber räumlich mobil sein.

"Um Jugendliche und Ausbildungsplätze besser zusammenzubringen, müssen wir die Mobilität von jungen Menschen fördern", fordert Gewerkschafter Anbuhl. Azubi-Tickets im öffentlichen Nahverkehr gehörten ebenso dazu wie günstiger und guter Wohnraum.

Dass Jugendliche die freien Stellen besetzen sollen, die außerhalb ihrer Region liegen, sei aber nicht so einfach, erklärt IAB-Experte Seibert. Besonders Jugendliche mit Migrationshintergrund seien weniger bereit in ländliche Gebiete zu gehen. Mitunter seien auch die Berufsschulen 100 Kilometer entfernt, das spiele bei der Entscheidung ebenfalls eine Rolle.

Aber es gibt noch weitere Herausforderungen: Eine große Anzahl Jugendlicher kenne das duale System und dessen Vorzüge nicht, beklagt Handwerksvertreter Will. Vielen seien die Karrierechancen nicht bewusst, auch nicht dass man anschließend ohne Abitur studieren könne. "Eine Ausbildung ist keine Sackgasse."

Jugendlichen, bei denen die schulischen Leistungen nicht reichen, um Abitur zu machen, gelte es deutlich zu machen, dass eine Ausbildung ein guter Weg sein kann, sagt Seibert. Außerdem böten Ausbildungsberufe ebenfalls gute Verdienst- und Karrieremöglichkeiten. Schulen könnten hier ein wenig mehr Aufklärungsarbeit leisten.

Zudem müsse man den Schülern das ganze Spektrum zeigen, sie erinnern, wie viele Berufe es gibt, sagt Seibert. Denn Studien zeigten, dass sich rund 60 Prozent der Frauen für zehn Prozent der am häufigsten gewählten Berufe entscheiden. Bei Männern sind es ein bisschen weniger, 40 bis 50 Prozent. Seine Empfehlung an die Schüler: nicht nur darauf schauen, was alle anderen machen.

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