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Alter und Arbeitslosigkeit Doppeltes Stigma

Ältere profitieren kaum vom Beschäftigungsaufschwung, wie der FR-Arbeitsmarktindex zeigt. Dabei werden sie für den Erfolg der deutschen Wirtschaft künftig wichtiger.

24.04.2015 19:31
ILLUSTRATION Ein älterer Herr arbeitet in einem mittelständischen Unternehmen für Maschinenbauteile
Älterer Mitarbeiter an seinem Arbeitsplatz. Wer im Alter arbeitslos wird, ist doppelt stigmatisiert. Foto: Imago/Symbolfoto

Ein Dienstauto, ein Handy, ein Zuschuss zur Miete. Im Werben um Fachkräfte werden die ersten Arbeitgeber großzügiger. Doch im Blick haben sie dabei vor allem die Jungen und die Arbeitnehmer, die mitten im Berufsleben stehen. Die Älteren stehen nicht im Mittelpunkt ihres Interesses, wie der FR-Arbeitsmarktindex (FRAX) zeigt. Im Gegenteil.

„Arbeitslose Ältere profitieren nur in geringem Maße vom Beschäftigungsaufschwung und sinkenden Arbeitslosenzahlen“, sagt Sandra Hofmann, Forschungsleiterin Arbeitsmarkt beim Wirtschaftsforschungsinstitut Wifor, das den FRAX erstellt. So hat es bei den Arbeitslosen unter 25 Jahren in den vergangenen sieben Jahren einen Rückgang um satte 41,3 Prozent gegeben, die Zahl älterer Arbeitsloser stieg hingegen trotz der guten Beschäftigungsentwicklung um ein Achtel an.

Auch im Vergleich zu den Langzeitarbeitslosen (mehr als 12 Monate ohne Stelle) schneiden die über 54-Jährigen schlecht ab. Die Zahl der Menschen, die länger als zwölf Monate keinen Job hatten, ist von Anfang 2007 bis Ende vergangenen Jahres um 45 Prozent gesunken und damit noch stärker als die Arbeitslosigkeit insgesamt (minus 28 Prozent). Das ist eine demoralisierende Entwicklung für ältere Erwerbspersonen. Obwohl viele Menschen in den vergangenen Jahren in Arbeit gekommen sind, haben sich die Zugangschancen zum Arbeitsmarkt laut FRAX damit insgesamt kaum verbessert.

Dabei ist es auch vor dem Hintergrund des demografischen Wandels wichtig, ältere Menschen in Arbeit zu bringen. Denn der Anteil der 55- bis 64-Jährigen an der potenziellen Erwerbsbevölkerung steigt schon heute und wird in Deutschland in den kommenden Jahren noch deutlich größer. Im Vergleich zu anderen Ländern der Europäischen Union kommt ihnen hierzulande bis 2030 ein besonders großes Gewicht zu. Denn während in der EU die Bedeutung dieser Bevölkerungsgruppe laut einem Index des Bundesinstituts für Berufsbildung in den kommenden Jahren im Durchschnitt auf 115 Punkte zulegt, sind es hier sogar 129 Punkte.

„Wir können es uns überhaupt nicht leisten, dass ältere Arbeitnehmer in Arbeitslosigkeit verharren“, sagt deshalb Alexander Herzog-Stein, Arbeitsmarktexperte beim Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. „Wir haben zwei Gruppen, auf die wir achten müssen, wenn wir trotz des demografischen Wandels auch in Zukunft genügend Fachkräfte haben möchten: Das sind die älteren Arbeitnehmer und die Jungen.“
Bei beiden Gruppen gibt es Probleme: Denn während die Arbeitslosigkeit Älterer steigt, sinken die Ausbildungszahlen seit Jahren kontinuierlich. „Damit kommt den älteren Beschäftigtengruppen eine immer entscheidendere Rolle zur Sicherstellung der Fachkräftebasis zu“, sagt Wifor-Chef Dennis A. Ostwald.
Die Herausforderungen sind beträchtlich, wenn es darum geht, mehr Menschen über 54 Jahren in Arbeit zu bringen. Denn es gibt zahlreiche Hürden, die ihre Beschäftigung bis zum gesetzlichen Renteneintrittsalter – oder sogar darüber hinaus – erschweren. Das beginnt schon damit, dass viele Berufe derzeit nicht bis zum Ende des Erwerbslebens ausgeübt werden können. „Auch wenn sich die Erwerbsphasen in den letzten Jahren verlängert haben, hängen die Chancen für eine Erwerbstätigkeit bis zur Regelaltersgrenze wesentlich vom ausgeübten Beruf ab“, heißt es in einer Studie des Instituts Arbeit und Qualifikation der Uni Duisburg-Essen.

Schlechte Karten haben zum Beispiel Bauarbeiter, Menschen in Textil- und Bekleidungsberufen, in der Holz- und Kunststoffverarbeitung, Hilfsarbeiter, Polsterer, Maschinisten, Warenprüfer, Versandfertigmacher und Ernährungsberufe. Die Mehrheit von ihnen scheidet noch vor dem 60. Geburtstag aus ihrem Beruf aus. Doch auch sonst ist die Lage schwierig. Über alle Berufe hinweg hat im Alter von etwa 61 Jahren bereits die Hälfte ihren gelernten Beruf aufgegeben. Sofern sie nicht aus gesundheitlichen Gründen in Rente gehen, müssen sie umsatteln.

Auch der technologische Wandel führt dazu, dass ganze Branchen und Tätigkeitsbilder verändert werden oder sogar verschwinden. Beides führt zu Stellenstreichungen und dazu, dass sich Mitarbeiter neues Wissen aneignen müssen. Bei Menschen, die nur noch wenige Jahre vom Ruhestand entfernt sind, ist die Bereitschaft der Firmen, in Weiterbildung zu investieren, bislang aber gering.

Damit Ältere besser einen Arbeitsplatz finden, braucht es laut Forschern aber auch ein Umdenken, nicht nur bei den Unternehmen, sondern auch in der Gesellschaft. „Es ist heute sehr wichtig, jung zu erscheinen“, sagt Arbeitsmarktforscher Herzog-Stein. Das färbe auch auf die Unternehmenskulturen ab. „Alt und arbeitslos, das ist heute ein doppeltes Stigma.“

Die Einstellungsprozesse der Unternehmen orientierten sich, so Herzog-Stein, noch sehr an den Zeiten, zu denen es ein üppiges Arbeitskräfteangebot gab. Deshalb fehle es an Flexibilität und Fantasie. Dass es zum Beispiel Parallelen zwischen der Arbeit in einer Autofabrik und in der Pflege gebe, und dass interessierte Autoarbeiter, deren Jobs automatisiert wurden, mit der nötigen Weiterbildung als Pfleger arbeiten könnten, sei häufig noch unvorstellbar.

Herzog-Stein fordert, dass die Politik bessere Rahmenbedingungen schafft, damit im Alter die Aufnahme eines neuen Berufes erleichtert wird. Zudem müsse von den Firmen eingefordert werden, dass sie Älteren eine Chance geben.

Mehr über Alter und Arbeit in der kommenden Woche in der FR.

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